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Das Rennen um den Impfstoff

Donnerstag, 27. August 2020 um 22:16

Von Thomas Grüner
Mehrere Unternehmen haben in den vergangenen Wochen verschiedene Fortschritte für einen wirksamen COVID-19-Impfstoff angekündigt. Zahlreiche Anleger fühlen sich ermutigt, auf den oder die möglichen Gewinner zu setzen und dadurch hohe Renditen einzufahren. Aus unserer Sicht ist diese „Strategie“ kein vernünftiger Ansatz für nachhaltig erfolgreiche Aktieninvestitionen.

Echter Wissensvorsprung?

Märkte sind effizient und zukunftsorientiert, sie verarbeiten weithin bekannte Informationen und bewegen sich schnell weiter. Angesichts der Aufmerksamkeit, die den forschenden Unternehmen und klinischen Studien gewidmet wird, basieren Investitionen, die an die neuesten Nachrichten zur Impfstoffentwicklung angelehnt sind, im klassischen Sinne auf bekannten Informationen. Man sollte den Märkten besser nicht unterstellen, dass sie sich vor einem Thema verschließen, auf welches die Augen der ganzen Welt gerichtet sind. Anleger wähnen sich also lediglich in der Situation, etwas zu wissen, was die Märkte noch gar nicht registriert haben – eine typische Fehlerquelle.

Investieren, nicht spekulieren!

Nach Angaben des US News & World Reports sind aktuell mehr als 100 Impfstoffe in Arbeit, von denen sich etwa ein Fünftel bereits in Studien am Menschen befindet. Den Gewinner zu identifizieren entspricht aktuell also einer Chance von etwa 1 zu 20. Selbst wer über mehrere potentielle Gewinner hinweg „diversifiziert“, verbessert seine Erfolgsaussichten nur wenig. In der Preisbildung jedes beteiligten Unternehmens ist die Hoffnung auf eine erfolgreiche Zulassung bereits berücksichtigt. Selbst wer den tatsächlichen Gewinner in seinen Reihen hält, muss gleichzeitig auch die Enttäuschung bei den konkurrierenden Unternehmen in Kauf nehmen – so kann der positive Effekt eines Volltreffers sehr schnell verpuffen.

Zu hohe Erwartungen

Generell basiert die Vorstellung, über Investitionen in den Gewinner des Impfstoff-Rennens extreme Renditen zu erreichen, auf einer falschen Prämisse: Der Impfstoff selbst muss dazu extrem rentabel sein. Zum einen gehen wenige Experten davon aus, dass ein Unternehmen ein Monopol für den angebotenen Impfstoff haben wird. Zwei Kandidaten, die mit der Unterstützung der US-Regierung arbeiten, haben bereits angekündigt, ihren möglichen Impfstoff nicht gewinnorientiert anzubieten. Zum anderen sind die Vorabzahlungen der Regierungen nicht unerheblich – weithin bekannte Deals, die längst in die Gewinnerwartungen mit eingeflossen sind. Tendenziell sehen sich die beteiligten Unternehmen als „Dienstleister für die Öffentlichkeit“ – im Grunde können sie auch gar keine andere Haltung einnehmen. Wer auf die Idee kommen würde, exorbitante Preise für einen wirksamen COVID-19-Impfstoff aufzurufen, könnte dem extremen politischen Druck nicht lange standhalten.

Fazit: Anleger sind gut beraten, den Fokus nicht zu sehr auf das Impfstoff-Rennen zu legen. Trotzdem bleibt der Gesundheitssektor natürlich ein wichtiger Bestandteil einer vernünftig diversifizierten Strategie. Pharmaunternehmen erzielen in der Regel den größten Anteil ihres Gewinns mit Krankheitsbehandlungen, die hohe Margen haben und längerfristige Anwendung finden. Ein COVID-Impfstoff würde eine Menge Aufmerksamkeit auf sich ziehen, aber er würde die Pipeline des Unternehmens nicht mit neuen Behandlungen für Krebs, Hepatitis, Demenz, Alzheimer und zahlreichen anderen infektiösen und chronischen Krankheiten füllen – diese stellen letztendlich die nachhaltigen und langfristig entscheidenden Treiber für die Umsatz- und Gewinnentwicklung dar.

Fragen zum Beitrag beantworte ich gerne per E-Mail an feedback@gruener-fisher.de.

Thomas Grüner
ist Gründer und Vice Chairman der Vermögensverwaltung Grüner Fisher Investments. Weitere Informationen unter www.gruener-fisher.de.


Der obige Text spiegelt die Meinung der jeweiligen Autoren wider. Instock übernimmt für dessen Richtigkeit keine Verantwortung und schließt jegliche rechtliche oder sonstige Ansprüche aus.

 

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