Von Bernd Niquet
Die Warnungen vor den hohen Staatsschulden werden immer zahlreicher. Uns drohe neues wirtschaftliches Ungemach, heißt es, denn die Staaten kämen mit diesen Schulden immer weniger klar. Sogar ein wirtschaftlicher Kollaps wird nicht mehr ausgeschlossen.
Richtig daran ist sicherlich, dass ein Kraftakt, wie er in dieser Krise bewältigt worden ist, so schnell wohl nicht zu wiederholen ist. In der nächsten Krise wird es daher kritisch. Wer mein Buch „Der MADchester-Kapitalismus“ gelesen hat, sieht sie dort im Jahr 2014 angesiedelt.
Dennoch scheinen mir die Wirkungen von Staatsschulden in der Öffentlichkeit nicht richtig verstanden zu sein. Prinzipiell kann der Staat aufschulden, so lange, wie seine Gläubiger Vertrauen in ihn besitzen. Und das werden sie tun, so lange die Zinszahlungen erwirtschaftet werden. Daran kann es derzeit keinerlei Zweifel geben.
Abschminken muss man sich hingegen die Rückzahlungen. Staatsschulden werden niemals mehr zurückgezahlt. Sie werden nur prolongiert. Sie stellen gleichsam die Gravitationskraft dar, gegen die der Staat wirtschaften muss.
Doch jetzt kommt das WICHTIGSTE: Staatsschulden erhöhen den Reichtum in einer Volkswirtschaft. Das ist zwar ein perverser Effekt, doch so ist es nun einmal. Je mehr der Staat sich verschuldet, umso wohlhabender ist die Volkswirtschaft.
Doch wie kommt es dazu? Wenn ein Privatunternehmen eine neue Anleihe begibt, passiert gar nichts. Dann besitzen die Käufer der Anleihe jetzt anstelle des Geldes die Anleihe (Aktivtausch) und das Unternehmen das Geld plus die Verbindlichkeit der Rückzahlung, was sich beides jedoch gegeneinander ausgleicht (Bilanzverlängerung). Wird das Geld nun vom Unternehmen verausgabt, müssen Rücklagen, Rückstellungen und Rückzahlungspläne für die Rückzahlung gebildet werden.
Verschuldet sich jedoch der Staat per neuer Anleihe, so verausgabt er das neue Geld, ohne das jemand Rücklagen, Rückstellungen oder Rückzahlungspläne bildet, ja, ohne dass überhaupt jemand sich dafür zuständig fühlt, für die Rückzahlung einmal verantwortlich zu sein. So entsteht also neues Vermögen, dem keine Verbindlichkeiten gegenüberstehen. So kann man Vermögen aus dem Nichts schaffen.
Und das stabilisiert das System wie von Geisterhand. Alle verteufeln die Staatsschulden, doch genau davon hängt letztlich ihr eigenes Überleben ab. Und das geht so lange gut, bis es irgendwann nicht mehr gut geht.
Anregungen oder Kritik bitte an Bernd Niquet.
+++++++ DIE BUCH-NEUERSCHEINUNG 2009 +++++++
Bernd Niquet, TAUPUNKTE, Erzählung, Engelsdorfer Verlag, Leipzig 2009, 133 Seiten, 9,95 Euro. ISBN 3-86901-434-2.
Das neue Buch von Bernd Niquet bezieht sich nicht direkt auf die Börse und die Finanzen, sondern packt den Menschen in seiner Gesamtheit. Wie wäre es, fragt er, wenn man plötzlich ganz neu in unsere Welt hinein träte, ohne jede Historie in ihr zu besitzen? Wie würde man die Welt dann wahrnehmen? Und mit wem hätte man Umgang?
Auf jeden Fall stünde man wohl ziemlich alleine da, schwämme gegen den Strom und bewegte sich gegen den Strich – ganz so also, wie es auch dem erfolgreichen antizyklisch orientierten Anleger geht.
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