Von Jochen Steffens
Seltsame Nachrichten treffen ein. Während die Bullen schon von einem neuen Boom sprechen, gibt es Informationen, die mich skeptisch stimmen. So ist die Raffinerieauslastung in den USA zur Zeit unter 80 Prozent gesunken. Das ist der niedrigste Wert in einem November seit 1990. Ein sinkender Ölverbrauch passt eigentlich nicht zu einer anziehenden Wirtschaft. Zudem verschlechtern sich auch bestimmte US-Konjunkturdaten, zuletzt die deutlich unter den Erwartungen liegenden US-Bauausgaben und die US-Frühindikatoren. Auch das lässt mich skeptisch werden.
Etwas seltsam in diesem Zusammenhang ist eine Information aus China: Die dortige Stahlproduktion übersteigt mittlerweile die Nachfrage. So werden 565 Millionen Tonnen Stahl produziert, doch China braucht lediglich 549 Tonnen. Allerdings ist diese Überproduktion nicht Folge einer Krise, da die Inlandsnachfrage um 18 Prozent zulegte.
China hat gerade verschiedenste Maßnahmen beschlossen, Überkapazitäten in der Industrie zu bekämpfen. So soll durch eine Drosselung der Kreditvergabe das Wachstum gebremst und Genehmigungen für Neuinvestitionen in diesen Branchen sollen zurückgehalten werden. Betroffen davon sind die Stahl- und Zementindustrie, Flachglas, die Kohlechemie, Polysilizium und chinesische Windkraftausrüster.
Das Problem dieser Überkapazitäten ist, dass der Weltmarkt diese nicht aufsaugt, und damit drücken diese auf die Weltmarktpreise. Das wiederum führt dazu, dass die sowieso schon geringen Margen der Produzenten sinken. Eine boomende Weltwirtschaft sollte aber eigentlich keine Überkapazitäten produzieren, zumindest dann nicht, wenn der Boom am Anfang steht.
Eigentlich finden sich Überkapazitäten eher am Ende eines langen Booms. Dann, wenn zu viele Unternehmen auf eine steigende Nachfrage reagiert haben und diese Nachfrage dann nicht mehr mit der Produktion mitwächst. Bedeuten diese Nachrichten also, dass in China der Boom mittlerweile derart reif ist, dass ein nahendes Ende oder zumindest ein kurzfristiger Einbruch bevorsteht?
Überkapazitäten können aber auch Folgen einer monetären Stimulation einer Wirtschaft sein. Wenn Gelder in Projekte fließen, kann das kurzfristig die Nachfrage erhöhen. Sobald diese Gelder wieder wegfallen, bricht gerne auch die Nachfrage ein. Experten sprechen sogar im Zusammenhang mit den chinesischen Konjunkturmaßnahmen von der Gefahr einer gigantischen Immobilienblase in China. Ein Immobilienboom wirkt sich fast immer auch höchst stimulierend auf weitere Wirtschaftszweige aus und kann somit ein dynamisches Wirtschaftswachstum erzeugen (siehe USA bis 2007 und Japan bis 1990). Doch diese Blase wird genau dann platzen, wenn der staatliche Stimulus nachlässt. Die Folgen einer platzenden Immobilienblase hat man nun schon fast 20 Jahre in Japan sehen können und erlebt sie auch gerade in den USA. Aber es wird wahrscheinlich noch ein bis drei Jahre dauern, bis diese Blasen in China platzen. Die Überkapazitäten sind allerdings auch jetzt schon ein Warnzeichen.
Fazit: Noch immer erreichen uns sehr widersprüchliche Nachrichten, die irgendwie zumindest noch nicht wirklich zusammenpassen. Somit hat man zum Teil das Gefühl, dass die Analysten in einer trüben Brühe an Information rumfischen, die ihnen den klaren Durchblick verwehrt.
Jochen Steffens ist Chefredakteur des kostenlosen Newsletters "Steffens Daily". Weitere Informationen finden sie hier.









