Von Bernd Niquet
Gegenwärtig befinden wir uns wieder in einer dieser Oh-wir-haben-ja-nichts-gemerkt-Zeiten. Oh, wir haben ja nichts gemerkt, wie es in diesem Menschen aussah. Und oh, wir haben ja auch vorher nichts gemerkt von der Finanzkrise. Oh, wir haben ja nicht gemerkt, was da vor sich ging. Und jetzt geht es auch nicht anders. Oh, wir haben ja nicht gemerkt, dass es jetzt wieder aufwärts geht, dass alles vielleicht gar kein Weltuntergang ist. Oh, wir haben es eben einfach nicht gemerkt.
Vielleicht sollten wir endlich einmal anfangen, von der Norm Abstand zu nehmen, dass man alles im Voraus merken und wissen kann. Vielleicht sollten wir einfach anfangen, zu akzeptieren, dass es Unfälle gibt, die eben passieren, im Inneren wie im Äußeren, und dass die Prävention manchmal teuer und risikoreicher ist als der Unfall selbst. Auch wenn wir für jeden wirklichen Unfall hundert weitere vorhersagen, die dann nicht eintreten, kommen wir letztlich nicht weiter, finanziell nicht und moralisch schon gar nicht.
Es gibt jedoch noch eine andere Seite der Medaille und das ist der Druck innerhalb der Gemeinschaft, auch dann, wenn man etwas gemerkt hat, es für sich behalten zu müssen. Hierin liegt wohl die wirkliche Tragik. Man muss das Spiel mitspielen, ansonsten gelingt der Aufstieg nicht. Wer sich hingegen so gibt, wie er wirklich ist, hat keine Chance. Ausnahmen bestätigen die Regel, doch sie sind beinahe an den Fingern einer Hand abzuzählen.
Was das sagt, was er denkt, sagt es zwangsweise im kleinen Kreis. Wer das schreibt, was er will, veröffentlicht ausschließlich im Internet und in kleinen Verlagen. Und wer Schwäche zeigen würde, wo nur Stärke akzeptiert wird, muss sich schon eine ganz eigene Welt bauen.
Und wenn nicht alle Eindrücke täuschen, dann verfestigt sich diese Tendenz immer mehr. In der Zeit vor der weltumspannenden Mediengesellschaft gab es überall Nischen der Nichtbeobachtung. Heute ist so etwas undenkbar, dafür verdienen die Protagonisten im Zentrum der Aufmerksamkeit das Millionenfache früherer Saläre.
Einerseits entwickeln wir uns immer weiter, andererseits ist überall die Regression Trumpf. Dass gerade um die Ecke ein Studio zur dauerhaften Haarentfernung aufgemacht hat, bestätigt den Befund: Die Infantilisierten von heute sehnen sich auch körperlich in die Zeit vor der Pubertät zurück, ohne Haare am Sack und blank wie ein Babykörper.
Eigentlich gibt es nur noch eine einzige Gelegenheit, sich ungestraft gegen den gesellschaftlichen Massentrieb zu stellen, und das ist die Börse. Hier kann man dem Status Quo genüsslich eine lange Nase zeigen und trotzdem gesellschaftliche wertvolle Dienste leisten, nämlich dann etwas zu geben, wenn alle enthaarten Idioten nur noch nehmen wollen, und umgekehrt zu nehmen, wenn die Oh-wir-haben-ja-nichts-gemerkt-Trottel panisch alles von sich werfen. Mehr ist wohl heute nicht mehr drin. Aber das ist doch auch eine ganze Menge. Geld als Besitz kann zwar niemals glücklich machen, als Gradmesser von Eigenständigkeit hingegen durchaus.
Anregungen oder Kritik bitte an Bernd Niquet.
+++++++ DIE BUCH-NEUERSCHEINUNG 2009 +++++++
Bernd Niquet, TAUPUNKTE, Erzählung, Engelsdorfer Verlag, Leipzig 2009, 133 Seiten, 9,95 Euro. ISBN 3-86901-434-2.
Das neue Buch von Bernd Niquet bezieht sich nicht direkt auf die Börse und die Finanzen, sondern packt den Menschen in seiner Gesamtheit. Wie wäre es, fragt er, wenn man plötzlich ganz neu in unsere Welt hinein träte, ohne jede Historie in ihr zu besitzen? Wie würde man die Welt dann wahrnehmen? Und mit wem hätte man Umgang?
Auf jeden Fall stünde man wohl ziemlich alleine da, schwämme gegen den Strom und bewegte sich gegen den Strich – ganz so also, wie es auch dem erfolgreichen antizyklisch orientierten Anleger geht.
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