Von Bernd Niquet
Vielleicht liegt es daran, dass ich kaum noch politische Sendungen im Fernsehen anschaue, höchstens kurz einmal hereinschalte, so dass ich das Wesentlich dort nicht mitbekomme, sondern nur unverbundene Schnipsel, aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass wir selten so eine merkwürdige Wahl erlebt haben wie dieses Mal.
Da kämpft die Piratenpartei gegen Horst Schlämmer, die Tigerentenkoalition gegen Jamaika und Flashmobs gegen Smartmobs, alles Dinge, von denen ich gar nichts weiß und auch gar nichts wissen will. Aber irgendwie scheint das alles eine wichtige Rolle zu spielen.
Es hat ja auch durchaus Charme, jeden Satz der Kanzlerin bei Wahlkampfveranstaltungen mit „Yeaahh“ zu quittieren, darüber kann ich sogar herzlich lachen, doch was soll uns das eigentlich sagen? Ich lese daraus die beruhigende Botschaft, dass die Suppe auf dem Tisch steht, die Kinder keinen Hunger haben, sondern sich die Langeweile damit vertreiben, indem sie mit dem Essen herumspielen. Ernste Krisen sehen anders aus.
Aber auch in der seriösen Presse ist die Grenzziehung zwischen Ernst und Klamauk nicht mehr zu überblicken. Am Mittwoch hat beispielsweise die altehrwürdige „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ in ihrem Feuilletonteil unter der Überschrift „Wir machen Klima“ über „Die Wahlprogramme der Parteien in Leichter Sprache“ berichtet. Ich recherchiere dazu im Internet. Das „Netzwerk Leichte Sprache“ ist eine Gründung der Organisation „Mensch zuerst“ für lernbehinderte Menschen sowie für Seh- und Hörbehinderte, die versucht, für diese Zielgruppe die Dinge leicht aufzubereiten.
Und nun schreibt die „FAZ“ doch tatsächlich: „Die Parteien haben den einfachen und kostengünstigen Weg gewählt und allesamt die Organisation „Mensch zuerst“ damit beauftragt, die in „schwerer Sprache“ verfassten Wahlprogramme in „Leichte Sprache“ zu übersetzen.“ Ich lese den Artikel mehrmals und es gelingt mir nicht, herauszubekommen, ob es sich hier um eine Satire oder einen ernsten Bericht handelt. So eine Grenzverwischung habe ich noch niemals erlebt.
Um mich anschließend ganz zu frustrieren, besuche ich noch den Wahl-O-Mat und beantworte die Fragen dort wahrheitsgemäß. Im Ergebnis kommen tatsächlich meine Präferenzen heraus, doch jede einzelne Frage ist eigentlich unbeantwortbar. Wie beispielsweise soll man bei Fragen wie „Die Türkei soll die Vollmitgliedschaft in der EU erhalten“ oder „Die ökologische Landwirtschaft soll vom Staat finanziell stärker gefördert werden“ pauschal antworten, ob man zustimmt oder nicht? So einfach ist die Welt doch nicht.
Doch was bleibt dann als Entscheidungskriterium? Für mich gibt es derzeit drei überragende Figuren: Guttenberg, Steinbrück und Westerwelle. Die würde ich gerne in der Regierung sehen – unter der Kanzlerin Merkel. Und nun grübele ich nicht nur, welche Kreuzchen ich dafür machen muss, sondern auch, welchen Namen in dafür wählen soll. Lange überlege ich, ob indianische Tigerente oder angebranntes Tomatenomelett besser ist, doch dann kommt mir plötzlich die entscheidende Idee: schwarz-rot-gelb, unsere Deutschlandfahne! Die Deutschland-Koalition, unsere naturgemäße Regierung.
Aber auch das ist nur ein Blödsinn mehr, obwohl doch eigentlich alles sehr genau passt.
Anregungen oder Kritik bitte an Bernd Niquet.
+++++++ DIE BUCH-NEUERSCHEINUNG 2009 +++++++
Bernd Niquet, TAUPUNKTE, Erzählung, Engelsdorfer Verlag, Leipzig 2009, 133 Seiten, 9,95 Euro. ISBN 3-86901-434-2.
Das Buch erzählt die Geschichte eines jungen Mannes, der sein gesamtes bisheriges Leben in vollkommener Isolation verbracht hat. Doch plötzlich tritt er heraus und ist geblendet von einer Wirklichkeit, deren Existenz er niemals für möglich gehalten hat. Nur langsam und sehr mühsam ist er in der Lage, erste Schritte zu unternehmen. Dann bilden sich ein paar Vorlieben heraus und in ihm wächst die Begeisterung, unbekannten Dingen nachzuspüren und neue Orte aufzusuchen. Sein Vorleben spielt jedoch auch in der neuen Welt eine dominierende Rolle. Und erst die Musik ist es, die das Eis der vergangenen Jahrzehnte ein wenig zum Tauen bringt.
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