Von Bernd Niquet
Schreck in der Morgenstunde. Da steht doch tatsächlich morgens in meiner Zeitung „Die Welt“ die Überschrift: „Finanzkrise kostet jeden Erdenbürger 1.500 Dollar“. Unsicher schaue ich mich um, denn ich bin sicher, dass sich hier jemand einen Scherz mit mir erlaubt hat. Gleich werden Sie sicher heraus platzen und zugeben, dass sie die Zeitung gefälscht haben, werden sagen, dass sie mich gefilmt haben, wie ich am Samstag frühmorgens in meiner Schlafanzughose zum Briefkasten geschlurft und danach beinahe ins Taumeln geraten bin.
„Finanzkrise kostet jeden Erdenbürger 1.500 Dollar“, nein, so etwas kann „Die Welt“ nicht schreiben, denn „Die Welt“ ist nicht „Bild“, sondern eine seriöse Tageszeitung und hat mit Thomas Schmid einen herausragenden Chefredakteur, der so einen Blödsinn niemals durchgehen lassen würde. Aber vielleicht ist der Chefredakteur in Urlaub und man hat der Vertretung einen Streich spielen wollen, um sie auf alle Zeiten zu desavouieren?
„Finanzkrise kostet jeden Erdenbürger 1.500 Dollar“, was soll das überhaupt heißen? Und wer maßt sich an, so etwas zu berechnen? Es ist die Commerzbank. Oh je, denke ich, kein Wunder, dass gerade diese Bank ohne Staatshilfe nicht überlebt hätte. Viel Sachverstand scheint dort nicht vorhanden zu sein.
„Finanzkrise kostet jeden Erdenbürger 1.500 Dollar“, sachlich ist eine derartige Aussage ohne Sinn. Denn was soll das bedeuten, sie „kostet“?
Ich lese: „Die Finanzkrise wird die Weltwirtschaft bis Ende dieses Jahres rund 10.500 Milliarden Dollar kosten.“ Die Weltwirtschaft? Die Finanzkrise wird die Weltwirtschaft etwas kosten? Überweist jetzt die Weltwirtschaft Geld an die Finanzkrise oder wie soll ich das verstehen? Hier scheinen wirklich keine begnadeten Geister am Werk zu sein.
Später in dem Artikel werden die Zahlen aufgeschlüsselt in Abschreibungen der Banken, Wertverluste von Immobilien und den Einbruch der Weltwirtschaft. Ach so, doch wie man solche Zahlen addieren kann, erklärt niemand.
Bei Bankabschreibungen handelt es sich tatsächlich um Kosten, zwar um einzelwirtschaftliche Kosten, die sich jedoch durchaus auch gesamtwirtschaftlich betrachten lassen.
Wertverluste von Immobilien sind hingegen keinesfalls Kosten, schon gar nicht, wenn dadurch eine Blase abgebaut wird. Brechen also künstlich in die Höhe getriebene Immobilienpreise zusammen, ist das eine außerordentlich gesunde Entwicklung, die langfristig eher Stabilisierungserträge bringt als Kosten darstellt. Irgendjemand ist hier bei der Commerzbank also wohl immer noch auf dem falschen Trip.
Und entgangene Einkommen durch ein niedrigeres Wachstum der Weltwirtschaft sind nun auch im Entferntesten nichts, was mit Kosten in Verbindung zu bringen ist. Ausbleibende Einkommen sind keine Kosten, denn wer sollte hier denn bitte was abschreiben und bilanzieren?
Der ganze Unsinn, der hier von Bankenseite publiziert und von den Medien – wie immer !!! (auch „Spiegel-Online“ berichtet genauso unreflektiert wie „Die Welt“) – völlig unkritisch publiziert wurde, beinhaltet also keinerlei sachlich richtige Information, sondern zielt ausschließlich dumpf auf das Gefühl der Menschen ab. Jetzt haben alle eine epochale Krise angekündigt, die anscheinend doch nicht so eintritt wie erwartet, jetzt muss man sich nachträglich eben wenigstens mit Kostenrechnungen rechtfertigen.
Es ist ein beschämendes Spiel: Vorher hat niemand von den Etablierten in den Banken und den Medien etwas gesagt, doch jetzt überschlagen sie sich fast in ihrem Krisengetrommel. Und was mir wirklich Angst macht: Ich verstehe wirklich von fast allen Dingen dieser Welt gar nichts, nur von diesem kleinen Finanzbereich etwas. Und wenn ich sehe, was mir hier für Lügen und Unsinn aufgetischt werden, muss ich davon ausgehen, dass das in anderen Bereichen auch nicht anders ist, nur dass ich davon gar nichts merke.
Und was dann dem Übel noch die Krone aufsetzt, ist dieses ganze Gerede, man müsse doch aus der Krise lernen und dass das mit den undurchschaubaren Finanzprodukten nicht noch einmal passieren dürfe. Und dann bringt dieselbe Zeitung, die das anprangert, nur zwei Seiten später ausführliche Tipps, wie man derzeit am besten mit Derivaten à la Baisse spekuliert.
An dieser Stelle kann man schließlich gar nicht mehr weiter reden. So ist sie eben, unsere Welt, und so wird sie immer bleiben. Im Reden sind sie alle gut, im Handeln eher nicht. Und die Konsequenz bei anderen anzumahnen, ist allemal leichter, als sie selbst zu ziehen.
Anregungen oder Kritik bitte an Bernd Niquet.
+++++++ DIE BUCH-NEUERSCHEINUNG 2009 +++++++
Bernd Niquet, TAUPUNKTE, Erzählung, Engelsdorfer Verlag, Leipzig 2009, 133 Seiten, 9,95 Euro. ISBN 3-86901-434-2.
Das Buch erzählt die Geschichte eines jungen Mannes, der sein gesamtes bisheriges Leben in vollkommener Isolation verbracht hat. Doch plötzlich tritt er heraus und ist geblendet von einer Wirklichkeit, deren Existenz er niemals für möglich gehalten hat. Nur langsam und sehr mühsam ist er in der Lage, erste Schritte zu unternehmen. Dann bilden sich ein paar Vorlieben heraus und in ihm wächst die Begeisterung, unbekannten Dingen nachzuspüren und neue Orte aufzusuchen. Sein Vorleben spielt jedoch auch in der neuen Welt eine dominierende Rolle. Und erst die Musik ist es, die das Eis der vergangenen Jahrzehnte ein wenig zum Tauen bringt.
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