Von Bernd Niquet
Man stelle sich einmal vor, mitten im größten Wohlstand Geld zu besitzen, das keiner will. Geld, das man nicht verleihen kann, weil es niemand aufnehmen will. Geld, mit dem sich auch keine Anlagegüter kaufen lassen und für das man keine Verzinsung bekommt.
Was für ein komischer Gedanke – oder? Aber so etwas gibt es wirklich. Und leider besitze ich selbst sogar so etwas. Das ist sehr ärgerlich, andererseits aber auch eine sehr interessante Erfahrung, die mich hoffen lässt, dass so etwas nicht so schnell noch einmal passiert.
Vor einigen Jahren habe ich einen kleinen Anteil meines Portfolios in Islandkronen angelegt. Dahinter stand die Überlegung, dass im Krisenfall die großen Währungen wie Dollar, Yen und Euro ganz sicher hemmungslos entknappt werden, wohingegen die kleinen Währungen besser unter Kontrolle gehalten und deshalb an Wert zulegen werden. Und Island ist doch eines der reichsten Länder der Erde.
Hinsichtlich des ersten Teils der Überlegung waren das durchaus richtige Gedanken, hinsichtlich des zweiten jedoch eine groteske Fehleinschätzung. Gekauft habe ich die Währung zu 100 Kronen für 1 Euro und immerhin 9 Prozent Zinsen pro Jahr dabei verdient. In der Krise im Oktober vergangenen Jahres wurde die Währung dann plötzlich nicht mehr geordnet handelbar und stand bei Kursen in einer Spanne von 160 für den Kauf zu 380 für den Verkauf. Ich hätte also 380 Kronen geben müssen, um 1 Euro wieder zurückzubekommen.
In diesem Jahr hat sich die Spanne weiter angeglichen und notierte so etwa bei 170 zu 230 als meine Anleihe fällig wurde. Nur mit brachialer Gewalt habe ich meine Bank dazu bekommen, für mich ein Islandkronen-Konto zu eröffnen, um nicht ein Opfer dieser Spanne zu werden. Und jetzt bin ich, Sie können mir gratulieren, mehrfacher Millionär. Sieht wirklich erbauend aus, der neue Kontoauszug, eine wunderbare Sache!
Meine Spekulation ist, dass sich der Wechselkurs verbessern und Island bald der EU beitreten wird und dann zu einem gemäßigten Wechselkurs den Euro übernimmt. So lange habe ich durchaus Geduld, zu warten. Das Problem dabei ist allerdings: Mit den Islandkronen ist nichts anzufangen. Sie sind zwar Geld, aber es gibt dafür nichts, jedenfalls nicht außerhalb von Island. Meine Bank bietet keine Verzinsung, ein Aktienkauf in Reykjavik ist nicht möglich und der Anleihemarkt ist vollkommen ausgetrocknet. Denn einerseits will niemand in dieser Unsicherheit isländische Kronen leihen und eine neue Anleihe auflegen und andererseits gibt es für keinen Besitzer existierender Anleihen eine Motivation, gerade jetzt sich von seinem Papier zu trennen.
Neulich hat der Handel meiner Bank eine kleine Tranche erbeutet. Davon habe ich 400.000 bekommen, was für eine lächerliche Summe für einen mehrfachen Millionär wie mich. Und dann hat sich diese Teufelsbrut, die sich schon immer 1 Prozent von den Devisenmittelkursen abschneiden, sich sogar noch 2 Prozent vom Kurs in die eigenen Taschen getrickst. Es ist fast wie an Klondike und Yukon in Dawson City.
So sitze ich also auf Millionen – und kann nichts damit anfangen. Für einen Urlaub in Island habe ich zu viele Kronen, für einen Immobilienkauf zu wenig, Gold gegen Islandkronen zu kaufen ist sinnlos, und ins Bordell zu gehen, dazu habe ich keine Lust. Ein bisschen fühlt sich das an, wie es sich sicherlich angefühlt haben muss in den großen Inflationen der Vergangenheit. Allerdings viel komfortabler, ohne Existenzgefährdung, fast wie ein moderner Abenteuerspielplatz. Durchaus lehrreich, eine völlig neue und unvergleichliche Erfahrung, hoffentlich aber kein Blick durch das Fernrohr in die Zukunft.
Anregungen oder Kritik bitte an Bernd Niquet.
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Bernd Niquet, Der MADchester-Kapitalismus. Das Buch zur Krise, München 2008, 143 Seiten. 12 Euro, ISBN 978-3-937200-49-1.
Leseprobe: „Bis vor Kurzem ist ja noch immer alles gut gegangen. Alle Krisen haben wir hervorragend überstanden. Doch während die Arbeiten zu diesem Buch abgeschlossen werden, hat gerade die letzte deutsche Großbank ihre Auszahlungen gestoppt. Was nun kommt, ist völlig offen. Wir betreten historisches Neuland. Die Situation ist besorgniserregend. Die Regierungen und Notenbanken weltweit tagen fieberhaft. Immer wieder ist von so einer Situation geredet worden, doch niemand hat geglaubt, dass so etwas tatsächlich passieren könnte. Entsprechend unvorbereitet ist man."
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