Von Bernd Niquet
Derzeit sind die Gerechtigkeitsdiskussionen in aller Munde. Überall wird von Umverteilung geredet. Die Ölpreisexplosion: den Armen das unbegrenzte Autofahren zu ermöglichen. Der große Kampf um die Erbschaftssteuer: den Bürgern eine größere Gerechtigkeit in den Startbedingungen zu schaffen. Und bald wird auch das Thema der Vermögenssteuer wieder auf die Tagesordnung kommen: auch hier mehr Gerechtigkeit zu schaffen. Von der Einkommensgerechtigkeit ganz zu schweigen. Auch das Wort von der Chancengleichheit findet sich ja in der Politik immer öfter.
Doch was ist eigentlich gerecht?, sollte man sich einmal fragen. Wäre es eigentlich gerecht, wenn jeder Mensch ein annähernd gleiches Einkommen und Vermögen besitzen würde?
Ich muss dabei an den Witz von dem Mann und dem Schneider denken. Ein gut gewachsener Mann lässt sich einen Maßanzug machen, der jedoch nicht ganz passt. Daraufhin trennt der Schneider die Nähte immer wieder auf und fügt sie erneut zusammen, leider jedoch mit dem Effekt, dass der Mann jetzt krumm und schief dasteht in seinem strammen Anzug. Als dieser schließlich den Laden verlässt, sagt auf der Straße ein Passant zu seiner Frau: „Guck, mal, was für ein armer Kerl. Aber einen guten Schneider hat er.“
Kann es vielleicht sein, dass wir in unserem alleinigen Abstellen auf rein monetäre Größen an jeder Gerechtigkeitsvorstellung zwangsläufig vorbei zielen? Denn was ist mit dem Talent und mit der Fähigkeit zum Genießen? Müsste so etwas nicht auch in die Gerechtigkeit einbezogen werden? Und weist das nicht darauf hin, dass alle Gerechtigkeitsüberlegungen dann völlig zum Scheitern verurteilt sind? Müsste man dann nicht Fähigkeiten ebenso wie Einkommen und Vermögen besteuern? Und Unfähigkeit subventionieren? Doch welch fatales Signal ergäbe sich dabei – noch fataler als das, was wir jetzt bereits in Ansätzen spüren.
Thea Dorn hat dazu neulich – im Zusammenhang mit dem Doping im Sport – Interessantes in der „Welt“ geschrieben: „Die Chancengleichheit der um den Sieg wetteifernden Sportler ist ohnehin eine Schimäre: Radfahrer mit größerem Lungenvolumen treten gegen Radfahrer mit kleinerem Lungenvolumen an, Langstreckenläufer aus dem afrikanischen Hochland sind von Kindesbeinen an ihren Flachlandkollegen überlegen, Fußballmannschaften aus reichen Ländern haben mehr Geld für die Betreuung als solche aus ärmeren Ländern. Konsequent zu Ende gedacht, würde die Vision eines komplett chancengleichen Sports darauf hinauslaufen, dass am Schluss alle zeitgleich über die Ziellinie kommen.“
Im Sport wollen wir das natürlich nicht. Doch im sonstigen Leben haben wir durchaus die Illusion, ein derartiges Ideal verwirklichen zu können. Wir sollten davon Abstand nehmen, denke ich, und – wie im Sport – uns darauf beschränken, Auswüchse zu vermeiden, aber den Gerechtigkeitsbegriff nicht überzustrapazieren. Ansonsten müssten wir nicht nur monetär, sondern bald auch chirurgisch eingreifen, um uns diesem Ideal auch nur anzunähern.
Anregungen oder Kritik bitte an Bernd Niquet.
+++ BRANDAKTUELL +++ DAS NEUE BUCH IST DA +++
Bernd Niquet, Der MADchester-Kapitalismus. Das Buch zur Krise, München 2008, 143 Seiten. 12 Euro, ISBN 978-3-937200-49-1. Jetzt hier bestellen.









