Von Bernd Niquet
Weiterhin ist alles möglich an den Märkten. Die Schlagzeilen sind derzeit so schlecht wie seit Menschengedenken nicht mehr. Am vergangenen Dienstag titelte die angesehene Tageszeitung „Die Welt“: „Größter Einbruch des Welthandels seit 1929.“ Wer jetzt keine Angst hat, wird niemals mehr Angst bekommen, denke ich. Ich frage mich zwar, wie das mit dem Welthandel im Zweiten Weltkrieg war, aber das tut ja jetzt wohl nichts zur Sache. Heute geht es in der Hauptsache um das Plakative.
Die Aktienkurse steigen daraufhin jedoch erst einmal. Nicht mitgestiegen sind allerdings die Eon-Aktien. Das Unternehmen hat am selben Tag die Prognosen leicht herunter gesetzt. Daraufhin stürzt die Aktie in der Spitze 10 Prozent auf 18 Euro ab. Die Dividende wird jedoch 1,50 Euro betragen, das sind mehr als 8 Prozent p.a. Rendite und fast das Vierfache derjenigen von Bundesanleihen.
Audi vermeldet zeitgleich einen Gewinnsprung um 30 Prozent. Das Unternehmen hat im Jahr 2008 ein Rekordergebnis erzielt. Wer sich jedoch den Chart anschaut, glaubt, hier habe eine Bombe eingeschlagen. Man sieht also deutlich, was derzeit los ist am Markt. Selektive Wahrnehmung, wie in der extremen Hausse, nur eben umgedreht dieses Mal.
Aber weiterhin ist alles möglich an den Märkten. Hans A. Bernecker, der wohl älteste und erfahrenste Börsenbriefschreiber in unserem Land schreibt: „70 Prozent aller Meinungen sind tief schwarz, 25 Prozent setzen lediglich auf eine „Bärenmarkt-Rallye“ und nur ein ganz kleiner Rest denkt weiter.“ Bernecker schwört auf den nächsten Aufwärtstrend und hält es für zweitrangig, wo der Markt nun genau dreht.
Das Internet wird derweil überschwemmt von Elliottwellen. Elliottwellen gibt es derzeit in zwei Ausfertigungen. Die einen sagen, die Aktienkurse stürzen jetzt sofort ab. Und die anderen, es ginge jetzt erst einmal noch ein Stück weit herauf, um anschließend dann vollkommen abzustürzen. Von den pessimistischen Deutungen stammt derzeit eine verdächtig große Anzahl aus diesem Lager.
Ich glaube, noch nie in meinem Börsenleben eine so verheerende Stimmung erlebt zu haben, selbst 2003 nicht. Aber vielleicht ist das ja berechtigt. Der Exportrückgang einiger Industrieländer ist besorgniserregend, obwohl hier natürlich Schindluder getrieben wird: Überall gibt es jetzt schlechte Monatswerte, die anschließend jedoch sofort auf Jahresbasis hochgerechnet werden und damit viel verheerender aussehen als sie in Wirklichkeit sind. Dass Japan allerdings derzeit auf Monatsbasis ein Leistungsbilanzdefizit ausweist, ist schon erschreckend. Andererseits kann es Defizite im Handel immer nur dann geben, wenn anderswo auch Überschüsse existieren.
Alles hängt jetzt daran, wann und wie die Wirtschaft sich fängt. Ich bin hier weit optimistischer als in Hinsicht auf das Gebaren der Märkte. Die Geldmengen explodieren weltweit, die Politik ist expansiv und die Rohstoffpreise betragen nur noch Bruchteile ihres vorherigen Wertes. Ein größeres Konjunkturprogramm hat die Welt noch nicht erlebt. Zudem ist es kaum vorstellbar, dass nicht bald jemand auf die Idee kommt, für 0 Prozent Zinsen bei der Notenbank zu leihen und dafür in großem Stil verfallene Finanzprodukte und Aktien zu kaufen. Ölschiffe werden ja bereits von Spekulanten übernommen, da der Ölpreis gegenwärtig weit unter den Förderkosten liegt.
Die Wirtschaft wird also wieder Zuversicht gewinnen und die Kapitalmärkte werden dann funktionieren. Bis dahin könnte an den Märkten jedoch noch einmal heftiger Krawall gemacht werden. Jetzt den Dax noch einmal 1.000 Punkte herunter prügeln – und dann das Material dort aufsammeln. Ein besseres Geschäft ist doch auf der ganzen Welt nicht zu machen.
Anregungen oder Kritik bitte an Bernd Niquet.
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Bernd Niquet, Der MADchester-Kapitalismus. Das Buch zur Krise, München 2008, 143 Seiten. 12 Euro, ISBN 978-3-937200-49-1.
Leseprobe: „Bis vor Kurzem ist ja noch immer alles gut gegangen. Alle Krisen haben wir hervorragend überstanden. Doch während die Arbeiten zu diesem Buch abgeschlossen werden, hat gerade die letzte deutsche Großbank ihre Auszahlungen gestoppt. Was nun kommt, ist völlig offen. Wir betreten historisches Neuland. Die Situation ist besorgniserregend. Die Regierungen und Notenbanken weltweit tagen fieberhaft. Immer wieder ist von so einer Situation geredet worden, doch niemand hat geglaubt, dass so etwas tatsächlich passieren könnte. Entsprechend unvorbereitet ist man."
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