Von Bernd Niquet
"Bis vor kurzem ist ja noch immer alles gut gegangen. Alle Krisen haben wir hervorragend überstanden. Doch was nun kommt, ist völlig offen. Wir betreten historisches Neuland. Die Situation ist besorgniserregend. Die Regierungen und Notenbanken weltweit tagen fieberhaft. Immer wieder ist von so einer Situation geredet worden, doch niemand hat geglaubt, dass so etwas tatsächlich passieren könnte. Entsprechend unvorbereitet ist man.“
Das, was ich in meinem neuen Buch erst für das Jahr 2014 geschrieben habe, ist anscheinend schon jetzt Wirklichkeit geworden. Und es kann einem tatsächlich die Angst hochkommen. Die Aktien werden wie wild geschmissen, und sogar langlaufende Pfandbriefe kann man jetzt mit einer Rendite von mehr als 10 Prozent p.a. kaufen. Die Märkte funktionieren nicht – und niemand hat eine Ahnung, wie es jetzt weiter geht. Ich natürlich auch nicht. Doch ich werde jetzt einmal versuchen, zu raten.
Ich beobachte, dass die meisten Menschen erstaunlich rational bleiben. Wenn man nach den harten Schlachten an den Märkten nach draußen geht, dann scheint die Sonne, die Herbstfarben leuchten und die Menschen gehen ihren Verrichtungen nach wie zu allen anderen Zeiten auch. Nur in der anderen Welt, der Welt an den Bildschirmen, da spielt die Welt verrückt. Alleine das sollte schon jeden Vergleich mit der Weltwirtschaftskrise 1929 bis 1933 restlos desavouieren.
Das Deleveraging ist in vollem Gange, die Risiken werden abgebaut. Das geht fast wie der Alkoholabbau nach durchzechter Nacht beim Morgenjogging. Und dabei kann einem schon einmal schwindelig werden und man fällt zu Boden. Doch kostet einen das das Leben? Ich will die gegenwärtige Situation nicht schönreden, die Kursverluste sind massiv und es ist nicht ausgeschlossen, dass wir noch einmal weiter fallen: 10 Prozent, vielleicht 20 Prozent oder noch mehr.
Doch auf der anderen Seite leben wir jetzt in einer Vollkasko-Gesellschaft. Was soll jetzt noch passieren? Pfandbriefe, die mit Immobilien besichert und staatsgarantiert sind, mit mehr als 10 Prozent Rendite bei kaum Inflation sind irrational. Hier regiert nur die Angst. Wie bei den Aktien. Hinter der Angst steht immer noch weitere Angst, aber bisher noch keine reale Katastrophe. Die Wirtschaft wird sich abschwächen, aber nicht untergehen. Kursverluste von 40 Prozent vom Top scheinen da übertrieben zu sein.
Und: Noch niemals in der Geschichte gab es einen Zustand, der durch eine derart großzügige Liquiditätsausstattung gekennzeichnet war wie heute. Es ist nur so, dass die einen auf der Liquidität sitzen und die anderen sie nicht bekommen. Wir sind in einer Situation der Liquiditätsfalle. Doch der große Unterschied zur Weltwirtschaftskrise von 1929 ist, dass es heute nicht um den vergeblichen Versuch geht, die Zinsen zu senken und es nicht zu schaffen, sondern „nur“ darum, die normale Geschäftsfähigkeit wieder herzustellen.
Das jedoch wird früher oder später der Fall sein. Die Notenbanken und der Staat werden das schaffen. Früher oder später. Und dann werden wir merken, dass plötzlich die ganzen Finanzassets beim Staat und der Notenbank lagern und der private Sektor dafür so viel Cash hält, wie niemand es brauchen kann. Und wenn dann der Versuch einsetzt, dieses Geld wieder zu investieren, dann ist er da, der Crack Up Boom.
Sie wissen, liebe Leser, dass ich den naiven Glauben, dass Geld an die Märkte fließen kann, nicht teile. Doch wenn ein Gemeinwesen dadurch gekennzeichnet ist, dass alle diejenigen, die ihre Assets zu Geld machen wollen, dies können (und gemacht haben), dafür jedoch niemand seine Geldhaltung abbauen musste, dann befinden wir uns in einer Situation, die es historisch noch niemals gegeben hat. Dann müssten die Preise für Assets eigentlich wieder in die Höhe springen, ja explodieren. Und die Notenbanken und Nationalstaaten Riesenprofite machen.
Ich gebe zu, dass es schwer ist, momentan daran zu denken. Aber versuchen Sie nur einmal, die Umrisse wahrzunehmen. Die Staaten, Notenbanken und sonstigen festen Hände im Markt nehmen jetzt alles auf – und zwar zu Spottpreisen, weil das Vertrauen niedrig ist. Durch diese Maßnahme wird jedoch das Vertrauen (vielleicht nicht kurzfristig, aber) mittelfristig wiederhergestellt. Dadurch stabilisieren sich auch die Immobilienmärkte und das, was heute Giftmüll ist, wird sich dann als wertgesicherte Anlage herausstellen.
Und die Aktien? Der Kurs von General Motors liegt jetzt auf dem Niveau der 50er Jahre, als Autos 3.000 Dollar kosteten. Und die Marktkapitalisierung unter dem Niveau des Jahres 1929. Und die gesamte russische Öl- und Gasindustrie kostet weit weniger als das Unternehmen Coca-Cola. Eon hat sich halbiert binnen Jahresfrist. Das alles ist völliger Irrsinn und hat mit den Realitäten nichts mehr zu tun. Wem es gelingt, den verhüllenden Mantel der Finanzen von den jetzigen Kursen wegzuziehen, wird gute Gelegenheiten für die Zukunft finden. Denn entgegen vielfältiger Ansicht wird die Welt in diesem Jahr nicht untergehen.
Anregungen oder Kritik bitte an Bernd Niquet.
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Bernd Niquet, Der MADchester-Kapitalismus. Das Buch zur Krise, München 2008, 143 Seiten. 12 Euro, ISBN 978-3-937200-49-1. Jetzt hier bestellen.









