(Morningstar) Die US-Regierung kam an einer Rettung des weltweit größten Versicherers AIG nicht vorbei. AIG ist eine der größten Gegenparteien und Versicherer für Termingeschäfte und Kreditderivate. Ein Ausfall hätte nicht nur in New York, London und Frankfurt Wellen geschlagen. Auch der Privatanleger aus dem bayerischen Wald, der in börsengehandelte Rohstoffinvestments investiert hat, musste kurzzeitig um sein Geld bangen. An der LSE wurde der Handel für mehrere ETCs (Exchange Traded Commodities) der Londoner Gesellschaft ETF Securities für einige Tage ausgesetzt.
Börsengehandelte Rohstoff-Wertpapiere werden in nicht ganz korrekter Weise als ETFs (Exchange Traded Funds) bezeichnet. Im Gegensatz zu börsengehandelten Indexfonds sind sie kein Sondervermögen, sondern besicherte Schuldverschreibungen. Es besteht das gleiche Emittentenrisiko wie bei Rohstoffzertifikaten. ETCs bilden meistens den Verlauf des Marktwertes von nur einem Rohstoff ab (Mais, Weizen, Kupfer oder Schweinebäuche). Das Investmentgesetzt lässt kein Produkt als Sondervermögen zu, das in nur einen einzigen Wert investiert. Eine Einzelposition in einem Sondervermögen ist auf einen Portfolioanteil von 10 Prozent beschränkt. Auch der Anteil an Derivaten, ohne die viele ETCs nicht konstruierbar wären, ist auf maximal 10 Prozent begrenzt.
Wie ETFs können ETCs bei laufender Kursfeststellung über die Börse gehandelt werden. Die Abbildung von Rohstoffindizes beziehungsweise Rohstoffpreisen funktioniert auf zwei Arten: physisch und synthetisch. Bei einem ETC auf Gold sind die Anteile mit Goldbarren besichert, die in einem Tresor im Keller der HSBC in London verwahrt werden. Auch bei ETCs auf Silber und Kupfer werden Barren als Sicherheitsleistung eingelagert.
Bei anderen Rohstoffen macht physische Lagerung wenig Sinn. Das gilt insbesondere für Agrarerzeugnisse wie Weizen oder Mais, denn diese sind nur für einen bestimmten Zeitraum haltbar. Agrar-Rohstoffindizes werden deshalb über Future-Kontrakte nachgebildet. Der ETFS Coffee etwa zielt auf den DJ-AIG Kaffeeindex ab. ETF Securities gibt dafür ETC-Anteile an die Market Maker und erhält im Gegenzug Future-Kontrakte auf Kaffee, die von AIG Financial Products (AIG-FP) ausgegeben werden. Bei einem Future Kontrakt schließen zwei Parteien ein Geschäft ab, bei dem ein Preis für die Zukunft heute festgelegt wird. Bezahlung und Warenlieferung finden erst zum Laufzeitende statt. Fällt eine Partei aus, platzt das komplette Geschäft. Market Maker sichern sich selbst mit Futures ab und sorgen für die Liquidität im ETC-Handel. Anleger können über die Börse (Frankfurt, Mailand, LSE und Euronext) ETC-Anteile kaufen oder verkaufen.
Zu hohes Risiko
Die Zahlungsverpflichtungen aus den AIG-FP Futures werden vom Mutterkonzern AIG garantiert. Als die Ratingagenturen S&P, Moody’s und Fitch das Kreditrating für die AIG herabsetzten, befürchteten die Market Maker an der LSE (Londoner Stock Exchange) einen Ausfall der Zahlungen aus den Future Kontrakten. Nach und nach stellten sie die Preisfeststellung ein. Am Mittwoch, den 17. September, wollte dann keiner mehr das Risiko auf seine Bücher nehmen, die Kursfeststellung wurde für alle auf AIG-FP-Kontrakten basierenden 113 ETCs (Marktwert 2 Milliarden Dollar) eingestellt. ETF Securities handelte daraufhin mit der AIG ein Sonderabkommen aus. Für Anleger bestand die Möglichkeit, ihre ETC-Anteile direkt bei der AIG einzulösen. Die Bearbeitungszeit beträgt jedoch mindestens vier Wochen. Eine Garantie für die direkte Abwicklung konnte allerdings nicht gegeben werden. Kurz darauf kündigte die US-Regierung den 85 Milliarden Dollar schweren Bail-Out für AIG an. Zwei Tage später wurden immerhin (wenn auch mit hohem Spreads) wieder 33 der AIG-besicherten ETCs gehandelt, 80 blieben ausgesetzt. Inzwischen können wieder alle ETCs über die LSE gehandelt werden.
Anleger müssen also nicht mehr um einen Totalverlust fürchten. Investoren kamen mit einem blauen Auge davon. Die meisten deutschen Anleger haben wahrscheinlich gar nichts davon mitbekommen. Über Xetra wurden die betroffenen ETCs weitergehandelt. Wäre die AIG ausgefallen, wäre aber auch dort der Handel ausgesetzt worden. Um solche Probleme in Zukunft zu vermeiden, plant ETF Securities die Hinterlegung der Sicherheitsleistungen in Barmitteln.
Emittentenrisiko jahrelang ignoriert
Das Emittentenrisiko wurde in den vergangenen Jahren unter den Teppich gekehrt. Anleger wurden mit den Gewinnversprechen von strukturierten Produkten geködert. Bei Zertifikaten reizte zudem die Möglichkeit, mit fallenden Kursen Geld zu verdienen. Auch die Handelbarkeit über die Euwax machte Zertifikate attraktiv. Wer in diesen Tagen ein Zertifikat von Lehman Brothers im Depot hat, kann sich kaum über die Vorteile freuen. Das Ergebnis hängt nun nicht mehr von der Kurswette ab, sondern von der Bonität des Emittenten. Es steht in den Sternen, wie viel zurückgezahlt wird.
Auch Aktienfonds sind derzeit nicht vor Verlusten sicher. Jedoch müssen sich Anleger keine Sorgen um einen möglichen Totalausfall aufgrund der Insolvenz der Fondsgesellschaft machen. Fondsvermögen ist Sondervermögen: Anlagevermögen und das Vermögen der Fondsgesellschaft sind rechtlich voneinander getrennt. Bei einer Insolvenz fließt das Fondsvermögen nicht in die Konkursmasse mit ein. Fondssparer können also beruhigt schlafen, was das Emittentenrisiko angeht. Selbstverständlich kann man gut nachvollziehen, dass einem bei einem Blick ins Portfolio zur Zeit übel wird. Erfahrene Anleger machen es deshalb wie Warren Buffet (Kaufen Sie billig, verkaufen Sie nie) und denken langfristig. Wenn ein globaler Aktienfonds einmal nichts mehr wert sein sollte, dann haben wir alle ganz andere Probleme als unsere Ersparnisse. (Alexander Ehmann)
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