Von Wolfgang Braun
Die Entwicklung der Wirtschaft wird unter Analysten gerne mit Buchstaben beschrieben. Das „V“ steht dabei für eine Rezession, der zügig ein Aufschwung folgt – also ähnlich wie 2009/10. Beim „W“ wechseln Aufschwung und Abschwung mehrfach ab. Und beim „L“ geht es erst abwärts ohne die anschließende Erholung. Für die nächsten Jahre ist nach dem sich abzeichnenden Abschwung eine ungewöhnlich lange Stagnationsphase zu befürchten.
In einer gesunden Wirtschaft gibt es ein regelmäßiges Wechselspiel der Konjunkturzyklen. Läuft die Wirtschaft gut, erhöht die Notenbank die Zinsen und macht damit Investitionen weniger rentabel. Erst wenn das Wachstum so weit ausgebremst ist, dass keine Inflationsgefahren mehr drohen, lockert die Notenbank die Zügel wieder und stellt den Marktteilnehmern Geld günstiger zur Verfügung. Damit wird dann der nächste Aufschwung erzeugt. Eine Beschleunigung kann erzielt werden, wenn der Staat zusätzliche Mittel bereit stellt, etwa über Konjunkturprogramme oder Steuersenkungen. Diese Mechanismen haben von 1950 bis 2000 hervorragend funktioniert. Zwar blieben Krisen nicht aus (vor allem in den 70er-Jahren), insgesamt kamen die westlichen Industriestaaten in dieser Zeit aber zu einem beträchtlichen Wohlstand.
Normalität vorbei
Diese im Rückblick paradiesischen Zustände sind vorbei. Schon nach 2000 kam die USA nur noch aus der Krise, weil eine gigantische Immobilienblase erzeugt wurde. Inzwischen helfen selbst Leitzinsen nahe Null nicht mehr, um der Wirtschaft neues Leben einzuhauchen. Zwar hat Fed-Chef Ben Bernanke am vergangenen Freitag betont, dass der Notenbank noch eine Reihe an Möglichkeiten offen bleiben, um die Wirtschaft zu stimulieren, ihre wichtigste Waffe (Zinssenkungen) ist aber bereits verbraucht. Und auch von staatlicher Seite ist nicht mit Unterstützung zu rechnen. Vermutlich werden die angekündigten Sparprogramme zwar nicht so scharf ausfallen wie angekündigt (siehe jüngste Entwicklung in Italien), dennoch sind von staatlicher Seite demnächst eher Bremsmanöver zu erwarten. In einer Phase, in der also eine Stimulierung der Wirtschaft geboten wäre, fallen die bisherigen Antreiber (zumindest weitgehend) aus. Sofern die Konjunktur nun also tatsächlich, wie von immer mehr Experten befürchtet und auch von einigen Frühindikatoren angedeutet, in die Rezession abdriftet, können Anleger nicht wie in früheren Zeiten mit einer zügigen Erholung rechnen.
Wolfgang Braun ist Chefredakteur des Börsenbriefs „Aktien-Strategie“. Weitere Informationen zum Börsenbrief finden sie hier.
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