Von Bernd Niquet
Es war erneut eine Woche, wie ich sie noch nicht erlebt habe. Die folgenden Schilderungen mögen sehr subjektiv und intuitiv sein, doch gerade das ist es, was wir aus meiner Sicht in der jetzigen Zeit am meisten brauchen. Die ganzen vermeintlichen Fakten, die wir jetzt überall lesen, können wir sicherlich weitestgehend vergessen. Niemand weiß etwas Genaues. Wir befinden uns an einem sehr fragilen und historisch äußerst bedeutsamen Punkt unserer Entwicklung. Und in derartigen Situationen hat man kaum etwas anderes zur Verfügung, als auf seine Intuition zu vertrauen.
Was bedeutet das, was augenblicklich geschieht? Und welche Auswirkungen wird es haben? Wo kommen wir her und wo gehen wir hin? Das sind die entscheidenden Fragen.
In der abgelaufenen Woche habe ich die Anhörung von US-Finanzminister Paulson und Notenbankpräsident Bernanke im US-Kongress gehört. Es war die erste Anhörung, die ich in meinem Leben mitbekommen habe. Was ich erlebt habe, hat mich gegruselt. Da saßen zwei reuige Sünder, die verzweifelt die Vertreter der Steuerzahler um Geld anbettelten. Etwas Entwürdigenderes habe ich noch niemals gesehen. Für die reuigen Sünder jedenfalls. Für die Volksvertreter war es eine Sternstunde. Mit hoher Kompetenz und Verantwortung haben sie die Sünder ausgefragt. Wie konnte es dazu kommen? Und ist wirklich klar, dass der Bailout-Plan greift?
Ich habe Finanzminister Paulson niemals vorher reden hören. Ich weiß daher nicht, ob er ein Stotterer ist oder nicht. Sollte er einer sein, hat er meine Bewunderung, trotzdem ein so hohes Amt auszuüben. Sollte er jedoch keiner sein, ist mein Schrecken noch weit größer. Niemals habe ich einen Menschen öffentlich so stottern sehen wie an diesem Tag. Mein Mitleid mit ihm war grenzenlos. Meine Verzweifelung über die Welt allerdings ebenso.
Ich weiß nicht, ob es so etwas in der Geschichte schon einmal gegeben hat. Ich bin ziemlich sicher, dass das nicht der Fall war. Jedenfalls nicht in dieser Größenordnung. Und auch nicht live im Fernsehen übertragen. Es war die Bankrotterklärung der gesamten Finanzwelt. So mag es früher in finsteren Internaten abgelaufen sein, bevor die Sünder ihre Strafe bekamen und heftig durchgeprügelt wurden. Doch heute geht es ja nicht um Strafen, es geht um Rettung. Der einfache Mann, der sich überhoben hat, wird zwangsexekutiert. Die Großen hingegen, sie werden jetzt gestützt – zum eigenen Wohl und zum Wohle aller.
Da kann man es eigentlich niemandem übel nehmen, wenn sich jetzt viele den Untergang des Systems wünscht. Man müsste sie alle vor die Hunde gehen lassen – und dann noch einmal anfangen. So denken heute viele. Und ich spüre, dass mein Herz mir ganz Ähnliches sagt. Schickt sie alle in die Wüste und baut dort ein großes Lager für sie. Doch der Verstand opponiert gegen diese Emotionalität heftig. So etwas hilft niemand. Gerade wir Deutschen wissen das nur zu gut, denn nicht ohne Grund hat es nach unseren Katastrophen auch stets einen Bailout für die Führungskader gegeben.
Aus diesen Gründen teile ich auch keineswegs die Untergangsszenarien, die im Internet jetzt von so vielen beschrieben und erhofft werden. Ich denke eher, was wir doch für ein wunderbares Therapieinstrument im Internet haben. Früher wäre man sicherlich irrsinnig geworden, sich nicht artikulieren zu können. Doch heute kann jeder im Netz jede noch so abwegige Sichtweise schlüssig darlegen. Das alles erinnert sehr an „Mein Kampf“, finde ich. Da sitzt der Dogmatiker, eingesperrt in seine Feste, und sucht sich aus der Heterogenität der Ansichten stets nur das heraus, was die eigene Weltsicht stützt. Alles andere hingegen wird konsequent beiseite gelassen.
Doch je weiter man die Foren im Internet durchkämmt, umso mehr stößt man überall auch Widersprüche: Eine verheerende Deflation und eine verheerende Inflation kann es gleichzeitig nicht geben, steigende Rohstoffpreise und wirtschaftliche Depression auch nicht. Und dass die US-Notenbank verschwörerisch als privates Institut gebrandmarkt wird, dass die Weltherrschaft anstrebe, sich jetzt jedoch zum Wohle der Allgemeinheit beinahe ruiniert, passt ebenfalls nicht. Ein Glück daher, dass sich hier alles Abseitige gleichsam in einem Sandkasten austoben kann.
Die wirklich wichtigen Entscheidungen warten nun in Washington auf uns. Und was die Wall Street dann daraus macht, wird für uns das entscheidende Datum bilden. Erneut befinden wir uns fest an der Leine der USA, in guten Zeiten, wie in schlechten Zeiten.
Anregungen oder Kritik bitte an Bernd Niquet.
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