Von Bernd Niquet
Es war ein großer Zufall, dass genau an dem Tag des Rücktritts unseres Verteidigungsministers das kleine französische Büchlein „Empört Euch!“ bei mir eintraf. Hierin schreibt der 93jährige Stéphane Hessel über die Notwendigkeit, den politischen Entwicklungen einer zunehmenden Spaltung unserer Gesellschaften Widerstand und Empörung entgegen zu setzen.
Interessant ist daran besonders, dass sein Bewertungskriterium aus den 40er Jahren, aus der französischen Résistance stammt. Alleine der folgende Satz ist bereits das Lesen des Buches wert: „Man wagt uns heute zu sagen, der Staat könne die Kosten der sozialen Errungenschaften nicht mehr tragen. Aber wie kann heute das Geld dafür fehlen, da doch der Wohlstand so viel größer ist als zur Zeit der Befreiung, als Europa in Trümmern lag?“
In diesem Moment tritt unser Verteidigungsminister vor die Presse und mir bleibt vom ersten Moment an die Spucke weg. Denn dieser berichtet von einem sehr freundschaftlichen Gespräch mit der Bundeskanzlerin und ich denke sofort, das passt nicht. Spricht man mit einem Vorgesetzten freundschaftlich, wenn man und seine Entlassung bittet? Ist das nicht unglaublich von oben herab?
Es wäre der schmerzlichste Schritt seines Lebens gewesen, höre ich dann, seinen Rücktritt einzureichen, doch er hätte ihn nicht alleine wegen seiner Doktorarbeit gemacht. Ob nicht eher der Moment, in dem sein Betrug begann, der schmerzlichste war? Aber egal, er trete auf jeden Fall deswegen zurück, „weil die öffentliche und mediale Betrachtung fast ausschließlich auf die Person Guttenberg und seine Dissertation statt beispielsweise auf den Tod und die Verwundung von 13 Soldaten abzielt.“
Und dann sagt er: „Wenn es auf dem Rücken der Soldaten nur noch um meine Person gehen soll, kann ich dies nicht mehr verantworten.“ Was für ein Fuchs, denke ich. Aber auch was für ein Hund und was für ein Schwein. Ich finde das eine widerwärtige Strategie. Da betrügt man zuerst systematisch, dann werden jedoch nur „Schwächen und Fehler“ zugegeben und wenn daraufhin dann von der Presse weiter gebohrt wird, geschehe das plötzlich zu Lasten getöteter und verwundeter Soldaten, so das daraufhin der Verteidigungsminister zurücktreten müsse.
Darauf muss man erst einmal kommen, sich so etwas einfallen zu lassen.
Dieser Mann lügt die Menschen an, und er lügt sich in die eigene Tasche. Selbst im Abgang bleibt er auf dem hohen Ross und verkündet uns die Dolchstoßlegende. Wer so abtritt, wird wohl kaum eine zweite Chance bekommen. Dazu wäre dann doch ein weit größeres Maß an Selbstehrlichkeit erforderlich.
Aber vielleicht kommt das ja noch, wenn wir denn eines Tages erfahren werden, wer denn nun tatsächlich diese Arbeit geschrieben hat oder wie es ansonsten zu diesem Fiasko gekommen ist.
Anregungen oder Kritik bitte an Bernd Niquet.
… AUCH 2011 NOCH AKTUELL: DIE FINANZKRISE!
Bernd Niquet, "Wie ich die Finanzkrise erfolgreich verdrängte", Leipzig 2010, 465 Seiten, 16 Euro, ISBN 978-3-86901-830-0.
Einige prominente Stimmen zum Buch:
„Es hat mir die Augen geöffnet.“ Bernard L. Madoff
„Ich schreibe seitdem ein eigenes Buch.“ Jérôme Kerviel
„Wir sind noch gar nicht tot.“ Richard Fuld
„Ich auch nicht.“ Bernard Cornfeld
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