Von Bernd Niquet
Jedes Jahr Ende Oktober, Anfang November habe ich in extremer Weise mit der Deutschen Bahn zu tun. Und jedes Mal kommen die Erinnerungen an die DDR hoch. Denn das, was ich haben will, ist Bückware. Sie gibt es anscheinend nur unter dem Ladentisch. Und so wird gelogen und geschwiegen und getäuscht wie früher in Honeckers Reich.
Dabei will ich doch nur eine Schlafwagenfahrt von Berlin nach München buchen, allerdings genau an dem Freitag, an dem die Winterferien beginnen.
Normalerweise lassen sich Tickets bei der Deutschen Bahn 90 Tage im Voraus buchen, bei Schlafwagen sogar 180. Das alles hat nur einen Haken: Die Deutsche Bahn fährt nach einem Sommer- und einem Winterfahrplan. Fahrten im Winter sind daher erst dann buchbar, wenn der Winterfahrplan aufgespielt ist in das Ticketsystem. Das ist stets Anfang November der Fall, in diesem Jahr am 2. November.
Da mein gesamter Skiurlaub an diesem Nachtzug hängt, bin ich schon im Hochsommer im Reisebüro gewesen. Denn die Damen bei der Fahrplanauskunft und Kartenbuchung der Deutschen Bahn sind zwar nett, aber ohne konkrete Ahnung oder Auskunft.
Die nette Mitarbeiterin des Reisebüros telefoniert extra für mich bestimmt zwanzig Minuten mit den entsprechenden Stellen der Deutschen Bahn. Nein, für Fahrten im Januar 2011 sind im Sommer 2010 noch keine Plätze zu buchen. Ja, das ist erst möglich, wenn der Winterfahrplan eingestellt ist. Ja, das ist am 2. November der Fall. Und wann? Irgendwann am Vormittag!
Ist auch sichergestellt, dass man dann noch Plätze bekommt? Ja! Sind nicht vorher Kontingente bereits an Reiseveranstalter vergeben? Nein! Also gut. Ich markiere mir den Termin fest im Kalender. Am Abend vor dem entscheidenden Tag versuche ich sicherheitshalber bereits einmal, mein Schlafwagenabteil zu buchen, doch es klappt noch nicht.
Am Dienstag, den 2. November, wache ich nachts um 0:50 Uhr auf. Sofort schlägt mein Herz höher. Bald ist es so weit und ich werde erfahren, ob ich zu den Glücklichen gehöre. Ich stehe auf und klicke mich ins Internet. Und siehe da: Die Züge sind bereits zu buchen. Ich logge mich ein und gehe auf meinen Zug. Es ist genau 1 Uhr, die Tickets können maximal eine Stunde zum Verkauf stehen.
Doch was lese ich? Liegewagen: 2 Personen im 6er Abteil: ausgebucht – 2 Personen im 4er Abteil: ausgebucht – Schlafwagen: 2 Personen im Economy Double Abteil: ausgebucht – 2 Personen in 2 Economy Single Abteilen: ausgebucht – 2 Personen im Deluxe Double Abteil: ausgebucht – 2 Personen in 2 Deluxe Single Abteilen: ausgebucht. Diese Schweine. Hier geht doch etwas nicht mit rechten Dingen zu.
An die Börse wollen sie, mit dem Stuttgarter Bahnhof den großen Immobiliendeal machen. Ich hoffe sehr, dass diese ganze Clique im Tunnel stecken bleibt.
P.S.: Ich bekomme schließlich doch noch ein Schlafwagenabteil nach München. Allerdings von Hamburg aus. Macht doch gar nichts. Dann nehmen wir von Berlin aus eben den kleinen Umweg über die Küste, um in die Alpen zu gelangen. Ein Hoch auf die Deutsche Reichsbahn!
Anregungen oder Kritik bitte an Bernd Niquet.
… AUCH IM HERBST IMMER NOCH AKTUELL: DIE FINANZKRISE!
Bernd Niquet, "Wie ich die Finanzkrise erfolgreich verdrängte", Leipzig 2010, 465 Seiten, 16 Euro, ISBN 978-3-86901-830-0.
Einige prominente Stimmen zum Buch:
„Es hat mir die Augen geöffnet.“ Bernard L. Madoff
„Ich schreibe seitdem ein eigenes Buch.“ Jérôme Kerviel
„Wir sind noch gar nicht tot.“ Richard Fuld
„Ich auch nicht.“ Bernard Cornfeld
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