Von Folker Hellmeyer
Der Euro eröffnete bei 1.2700 US-Dollar, nachdem am Vortag im europäischen Handel Höchstkurse bei 1.2742 Dollar und Tiefstkurse bei 1.2626 Dollar markiert wurden. Der Dollar stellt sich gegenüber dem Yen auf 84.35. In der Folge notiert Euro-Yen bei 107.15, während Euro-Franken bei 1.2900 oszilliert. Der Devisenmarkt will es wissen. Der „Markt“ (= aggressive Teilnehmer überwiegend mit US oder angelsächsischem Hintergrund - die Bremer LB zählt sich nicht dazu …) will die Auseinandersetzung mit Zentralbanken. Der Aufwärtsdruck bei Yen und Franken bleibt ausgeprägt. Mit fundamentalen Faktoren hat die derzeitige Bewegung nichts mehr zu tun. Im Englischen heißt das, was einige potente Marktteilnehmer hier veranstalten, „Cornering“. Man drängt den Gegner in eine Ecke. Dann muß es zu einer Entscheidung kommen. Wir kennen das bereits vom Euro. Es ist schon erstaunlich, daß Zentralbanken und Regierungen den Kräften, die jetzt aggressiv gegen sie agieren und dabei fundamentale Faktoren völlig außer Acht lassen, im vergangenen Jahr die Existenz retteten. Manchmal sollte man halt schauen, wen man an seine „Mutterbrust“ läßt. Das Leben schreibt schon interessante Geschichten. Aus London und New York und einigen Enklaven Europas bleibt es dabei, daß die profund positive Lage der Weltwirtschaft kleingeschrieben wird.
Am heutigen Mittwoch überraschten Autoabsatzzahlen Japans positiv und Australien reüssiert mit hohem Wachstum, das nicht ansatzweise erwartet wurde. Indiens Einkaufsmanagerindex bei 57,25 nach 57,6 Punkten verheißt auch keinen Zusammenbruch, sondern weiterhin starkes Wachstum in diesem Sektor. Der chinesische Einkaufsmanagerindex legte im August von zuvor 51,2 auf 51,7 Punkte zu und signalisiert damit fortschreitende Expansion. Wir sind sehr gespannt, auf welche Art und Weise diese nicht erwarteten positiven Entwicklungen professionell ignoriert werden. Asymmetrische Wahrnehmung ist eben auch eine anstrengende Beschäftigung.
Der deutsche Arbeitsmarktbericht lieferte den 14. Monat in Folge sinkende Arbeitslosenzahlen. Im August sank die Zahl der Beschäftigungslosen um 17.000 auf nun 3.193.000. Hier wurde jetzt das Vorkrisenniveau erreicht. Die Kurzarbeit ist in den vergangenen zwölf Monaten um mehr als 1 Million auf gut 400.000 zurückgeführt. Die Beschäftigung liegt bei circa 40,3 Millionen auf Vorkrisenniveau. Offene Stellen nehmen zu. Laut DIHK suchen 75% der Betriebe neue Mitarbeiter. Dieser Arbeitsmarktbericht ist schlicht weg und ergreifend sehr gut. Wurde er vom Finanzmarkt wahrgenommen. Nein, diese positiven Meldungen nivellieren wir zügig ins Abseits… .
Die erste Schätzung der Verbraucherpreise der Eurozone im August lieferte uns einen Preisauftrieb in Höhe von 1,6%, der exakt den Erwartungen entsprach. Im Vormonat lag der Anstieg bei 1,7%. Die Arbeitslosenrate der Eurozone verharrte im Juli den Erwartungen entsprechend bei 10,0%. Die positive Tendenz im Norden der Eurozone wird durch die Freisetzungen im Rahmen der Reformen Südeuropas neutralisiert.
Die Daten aus den USA fielen gemischt aus. In der Gesamtheit überwogen jedoch leicht positive Akzente. So freute sich der Markt über den Anstieg der Hauspreise im 20-Städtevergleich im Rahmen des S&P/Case-Shiller Home Price Index im Jahresvergleich um 4,2% im Berichtsmonat Juni. Die Erwartungen lagen bei lediglich 3,9%. Diese Entwicklung jedoch fortzuschreiben, ist riskant. Gerade ab Juli ergab sich eine signifikante Abschwächung am US-Wohnimmobilienmarkt, die dieser Indexwert noch nicht abgreift. Ergo ist hier bei der Interpretation Vorsicht geboten.
Auch das Verbrauchervertrauen nach Lesart des „Conference Board“ steuerte einen positiven Akzent bei. Der Index legte von zuvor 50,4 auf 53,5 Punkte zu. Die Konsensprognose war bei 50,5 Punkten angesiedelt. Bei der Freude über das besser als erwartet ausgefallene Ergebnis ist jedoch eine gewisse Nüchternheit einzufordern. Das aktuelle Niveau bleibt im höchsten Maße unbefriedigend.
Der Einkaufsmanagerindex aus Chicago sank marginal stärker als prognostiziert von zuvor 62,3 auf 56,7 Punkte. Die Prognose lag bei 57,0 Zählern. Der Rückgang des Index impliziert einen Rückgang der überproportionalen Wachstumsdynamik der Vormonate in nachhaltigere Wachstumsgefilde (Index höher als 50 =Expansion). Der Auftragsindex verzeichnete 55,0 nach zuvor 64,6 Punkte. Der Produktionsindex sank von 65,0 auf 57,6 Zähler und der Beschäftigungsindex verlor leicht von zuvor 56,6 auf 55,5 Punkte.
Zusammenfassend ergibt sich ein Szenario, das zunächst eine neutrale Haltung in der Parität Euro-Dollar favorisiert. Ein nachhaltiger Ausbruch aus der Bandbreite 1.2500 – 1.2830 eröffnet neue Dynamik.
Folker Hellmeyer ist Chef-Volkswirt der Bremer Landesbank.
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