Von Bernd Niquet
Also gut, diese noch. Weil es so gut passt. Aber danach dann ein anderes Thema. Zwischen Morgen- und Abendland steht Thilo Sarrazin. Am Montag erscheint dessen Buch „Deutschland schafft sich ab“, über das gegenwärtig bereits heftig diskutiert wird. Und das ist nur eine der Merkwürdigkeiten.
Ich möchte meinen persönlichen Bezug klarmachen: Im Jahr 1994 habe ich an einer Unternehmensreise nach Südostasien teilgenommen. In Singapur hat man unserer Reisegruppe stolz erzählt, wie man die eigene Bevölkerung heranzüchtet. Sind beide Eltern Akademiker, gibt es eine hohe finanzielle Kinderförderung, ist ein Teil Akademiker wird weniger, aber immer noch gut gefördert. Schlecht oder gar nicht ausgebildete Eltern hingegen bekommen gar keine Förderung.
Ich habe mich damals angewidert abgewendet. Ich dachte an die Nazi, an deren Vererbungsgesetze, an Menschenzucht. Heute nun begibt sich Thilo Sarrazin mit seiner These in die Öffentlichkeit, dass die Oberschicht in der Bundesrepublik sich zu gering vermehrt, die Unterschicht hingegen, zu der auch der überwiegende Teil der Zuwanderer aus muslimischen Ländern gehört, sich hingegen weit überproportional vermehrt – und unser Land dadurch im Schnitt dümmer wird.
Und jetzt forsche ich in mir, warum ich mich nicht erneut angewidert abwende. Ich habe in meiner Dissertation gegen den Historizismus gekämpft, gegen Geschichtsgesetze, warum wende ich mich jetzt nicht genauso entsetzt gegen den Biologismus? Wenn der Geschichte keine festen Gesetzmäßigkeiten innewohnen und ich es für gefährlich erachte, so etwas anzunehmen, warum sollte ich dann vermeintliche biologische Gesetzmäßigkeiten als Ursache für unser Schicksal ansehen?
Wahrscheinlich deswegen, weil ich die Fähigkeit, aus dem Fenster zu schauen, noch nicht verloren habe. Und manchmal sogar ganz aus dem Haus gehe.
Ich sehe unsere Sozial- und Einwanderungspolitik nicht anders als unsere Staatschulden. Man hat versucht, kühne Träume zu realisieren, doch wir alle werden damit pleite gehen. Und um so etwas zu berechnen, halte ich auch den Biologismus als Hilfstheorie für vertretbar.
Doch über so etwas darf man ja nicht reden. Das ist ein Tabu. Natürlich wird jetzt eingewendet, Sarrazin dürfe ja reden. Das ist auch richtig. Doch dazu wird er aus seiner Partei austreten müssen, seinen Beruf aufzugeben haben und bei jedem Vortrag einen Aufpasser an die Seite gestellt bekommen.
Der vor einigen Jahren verstorbene Schriftsteller Walter Kempowski hat einmal gesagt: „Ich bin konservativ und liberal, und das darf man in Deutschland nicht sein... Man darf ja auch heute nicht seine Meinung sagen in Deutschland. Versuchen Sie das doch mal! Ein Schritt vom Wege und Sie sind erledigt.“
So sieht es aus.
Anregungen oder Kritik bitte an Bernd Niquet.
… AUCH IM HEISSEN HERBST IMMER NOCH AKTUELL: DIE FINANZKRISE!
Bernd Niquet, "Wie ich die Finanzkrise erfolgreich verdrängte", Leipzig 2010, 465 Seiten, 16 Euro, ISBN 978-3-86901-830-0.
Einige prominente Stimmen zum Buch:
„Es hat mir die Augen geöffnet.“ Bernard L. Madoff
„Ich schreibe seitdem ein eigenes Buch.“ Jérôme Kerviel
„Wir sind noch gar nicht tot.“ Richard Fuld
„Ich auch nicht.“ Bernard Cornfeld
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