Von Bernd Niquet
Wie in vielen Jahren zuvor, so bin ich auch dieses Mal am Ende der Sommerferien ein paar Tage durchs Land gefahren, allerdings nicht durch den armen Norden wie sonst, sondern durch den reichen Süden.
Den Anlass dazu bot ein völlig unerwartetes Konzert einer afrikanischen Band und eine damit verbundene Rückkehr in das England der 70er Jahre, doch das alles hier zu erzählen, würde zu weit führen und wird viel eher das nächste Buch füllen. Doch ich nahm dieses Ereignis als Anlass, mich einmal in die Rolle eines Afrikaners zu versetzen, der durch unser Land fährt. Ich bin aus dem Staunen nicht mehr heraus gekommen.
Was für ein gesegnetes Land, alles grün, perfekte klimatische Bedingungen und ein Reichtum, wie er eigentlich gar nicht vorstellbar ist. Mehr als 1.000 Kilometer bin ich gefahren und ich habe nur perfekte Asphaltpisten erlebt. Kein einziges Schlagloch ist mir begegnet. Über die Täler sind weite Brücken gespannt, auf denen sich der Verkehr tummelt, während unten Stille und Einsamkeit regieren.
Ich war in diversen Freibädern, habe meine Sprachkenntnisse genutzt, um mich durchzufragen. Es sind Schulferien, es ist warm, die Sonne scheint, es ist August und Hochsommer, doch es ist überall sehr leer. In einem Freibad bin ich nachmittags um 15 Uhr sogar der einzige Gast, habe die gesamte Liegewiese und das riesige Schwimmbecken gänzlich für mich.
Ich bin im gelobten Land. Doch was machen die Menschen, die hier wohnen? Ich kann diese Frage nicht beantworten. Menschen muss es geben, denn überall stehen Häuser und fahren Autos umher. Aber auch in den Städten ist es gänzlich leer. Ich sitze abends auf den Marktplätzen Jahrtausende alter Fachwerkstädtchen, die auch in Disneyland nicht besser erfunden werden könnten, und bekomme überall sofort einen freien Tisch.
Ich weiß aus der Zeitung, dass die Deutschen Urlaubsweltmeister sind, doch mir scheint, der Deutsche benötigt ein Schild, auf dem „Urlaub“ steht, ansonsten glaubt er das nicht. Und in den Fachwerkstädtchen und Freibädern habe ich nirgendwo ein Schild „Urlaub“ gefunden. Ich kann mir nur vorstellen, dass über dem Flughafen von Palma de Mallorca jetzt beim Landeanflug aufgrund des Andrangs Warteschleifen geflogen werden, doch im Grunde genommen ist mir das egal und interessiert mich gar nicht weiter, weil ich das Leben so liebe, wie es hier und jetzt ist. Es ist wirklich ein gelobtes Land.
Gibt es hier überhaupt Probleme? Viele reden ja von Staatsverschuldung und Armut. Ja, ein Mal bin ich nach Geld angesprochen worden. Und dass man dieses Wunderland nicht hätte hochziehen können, ohne mehr Geld auszugeben als man eigentlich ausgeben wollte, erscheint mir klar und logisch. Irgendwann werden wir daher alle wieder etwas von unserem Wohlstand abgeben müssen. Doch was macht das, er steht ja ohnehin nur auf dem Papier.
Aber vielleicht sollten wir uns beeilen damit, denn ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, in diesem heißen Sommer 2010 möglicherweise einen Blick in die ferne Zukunft geworfen zu haben, wenn es zum Normalfall geworden ist, dass ein nahezu perfektes Land kaum noch genug Einwohner besitzt.
Anregungen oder Kritik bitte an Bernd Niquet.
… UND ALS STRANDLEKTÜRE FÜR DEN URLAUB:
Bernd Niquet, "Wie ich die Finanzkrise erfolgreich verdrängte", Leipzig 2010, 465 Seiten, 16 Euro, ISBN 978-3-86901-830-0.
Einige prominente Stimmen zum Buch:
„Es hat mir die Augen geöffnet.“ Bernard L. Madoff
„Ich schreibe seitdem ein eigenes Buch.“ Jérôme Kerviel
„Wir sind noch gar nicht tot.“ Richard Fuld
„Ich auch nicht.“ Bernard Cornfeld
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