Von Bernd Niquet
Es ist nur ein kleines Hotel an der Küste im ärmsten Bundesland der Republik, doch möglicherweise steht es trotzdem für mehr. Der aufgebrachte Gast hatte sich beschwert über den Service, der heute nicht nur schlecht war wie eigentlich an jedem Morgen, sondern jetzt sogar selbst dazu ansetzte, den Gast verbal anzugreifen. Um die halbe Welt war dieser bereits gereist, doch so etwas hatte er bisher noch nie erlebt.
Fortan weigerte er sich, das Frühstück weiter in einer derartigen Atmosphäre einzunehmen. Es kam zum Gespräch mit dem Hotelchef. Der Gast sah sich gut gerüstet, denn solche Leute sind doch im Publikumsverkehr nicht tragbar, sagte er zum Manager. Dieser könne doch jetzt eigentlich froh sein, denn wenn er vorher nicht ausreichende Gründe gehabt hatte, sich von solchen Angestellten zu trennen, so lagen sie doch nun zweifelsfrei vor.
Im Laufe des Gespräches lernte der Gast jedoch eine völlig andere Welt kennen, musste plötzlich sehen, dass die Welt sich gänzlich anders darstellt als von ihm vorher vermutet, und nicht nur das, sondern wie er sie felsenfest angenommen hat.
Denn die Situation sei keineswegs einfach, gestand der Hotelmanager. Man bekam nämlich einfach keine Leute. Die Arbeitslosenquote läge zwar in der Region bei mehr als 15 Prozent, man bekäme jedoch trotzdem keine Leute. Und gerade für die einfachen Tätigkeiten nicht. Die Stelle für die Küchenhilfe sei bereits seit Saisonbeginn vakant und auch im Service gäbe es keinerlei Ersatz.
So traurig es wäre, er müsse daher leider sagen, dass ein schlechter Service nur die zweitschlechteste Möglichkeit darstelle, viel schlimmer sei hingegen gar kein Service.
Da dieses Problem sich bereits seit Jahren stelle, habe man angefangen, junge Praktikanten und Praktikantinnen zuerst aus Polen und dann aus Lettland einzustellen, mit dem Ziel, ihnen anschließend eine Dauerstellung anzubieten. Doch von zwanzig Kandidaten habe das letztlich nur bei einem einzigen geklappt.
Ein Thema wurde in diesem Gespräch allerdings nicht erwähnt – und das war das Geld. Daran scheint alles zu hängen. Doch egal, wie es hier genau aussieht, ein Urteil ist mit großer Sicherheit auch ohne weitere Analyse zu ziehen: Wir haben es hier mit einer beinahe grenzenlosen Fehlsteuerung zu tun.
Es ist, um einmal das Bild eines Organismus zu beschreiben, als ob die Nervenbahnen eines Körpers dem Gehirn nicht mitteilen, dass die Füße ihren Dienst eingestellt haben. Und so schaltet der Kopf auf ein anderes Programm um und macht sich selbst das Laufen nur noch vor. Das geht eine Weile lang gut, jedenfalls so lange, wie man noch auf dem weichen Polster verharren kann.
Anregungen oder Kritik bitte an Bernd Niquet.
… UND ALS STRANDLEKTÜRE FÜR DEN URLAUB:
Bernd Niquet, "Wie ich die Finanzkrise erfolgreich verdrängte", Leipzig 2010, 465 Seiten, 16 Euro, ISBN 978-3-86901-830-0.
Einige prominente Stimmen zum Buch:
„Es hat mir die Augen geöffnet.“ Bernard L. Madoff
„Ich schreibe seitdem ein eigenes Buch.“ Jérôme Kerviel
„Wir sind noch gar nicht tot.“ Richard Fuld
„Ich auch nicht.“ Bernard Cornfeld
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