Von Wolfgang Braun
In der Weltwirtschaft sind enorme Bewegungen im Gange. Während die asiatischen Schwellenländer Wachstumsraten im hohen einstelligen oder gar zweistelligen Prozentbereich aufweisen, kämpfen die westlichen Industrieländer nach wie vor mit den Folgen der Finanzkrise. Aber auch hier gibt es Unterschiede, wie die jüngsten Konjunkturdaten zeigen. Besonders düster ist es um die Vereinigten Staaten bestellt. Der Wirtschaftsforscher Robert Shiller hat erst am Dienstag vor einem Rückfall der USA in die Rezession gewarnt. Der Spitzenökonom, der in den vergangenen Jahren mit seinen Prognosen regelmäßig Treffer landete, schätzt die Gefahr für einen Doppel-Dip auf mehr als 50 Prozent. Für diese negative Einschätzung sprechen die zuletzt extrem schwachen Konjunkturdaten. Vor allem vom Immobiliensektor kamen ernüchternde Daten, die keine nachhaltige Erholung anzeigen. Auch die Einkaufsmanger-Indizes einzelner Regionen sowie das Verbrauchervertrauen (wenngleich keine harten Fakten) suggerieren für die kommenden Quartale kaum Wachstum.
Deutschland hat es besser
Deutlich besser sieht die Lage in Europa und speziell in Deutschland aus. Gleich eine Reihe an positiven Wirtschaftsdaten macht Hoffnung darauf, dass die Erholung weiter trägt als bislang gedacht. Das Ifo-Geschäftsklima war eine kleine Sensation. Auch der Arbeitsmarkt überrascht immer wieder und hat inzwischen das Niveau von vor der Krise erreicht. Weniger beachtet, aber ebenso positiv waren die extrem starken Auftragsdaten in Europa für den Mai, die weit über den Schätzungen lagen. Offenbar profitiert der alte Kontinent mehr vom Asien-Boom als die USA. Kein Wunder, werden hier noch ordentliche Autos und Maschinen gebaut, während sich Amerika jahrzehntelang auf den Konsum beschränkt und die Industrie dabei vergessen hat.
Ihren Status als Konjunkturlokomotive haben die Vereinigten Staaten schon verloren. In den nächsten Jahrzehnten dürfte auch die Spitzenposition als Wirtschaftsnation Nummer 1 nach China wandern. In der Geologie sind solche tektonischen Verschiebungen mit Spannungen verbunden, die sich regelmäßig in vernichtenden Erdbeben entladen. Bleibt zu hoffen, dass die wirtschaftliche Kontinentaldrift, die ja bereits Spannungen mit sich bringt, nicht mit ähnlichen Kollateralschäden verbunden ist.
Wolfgang Braun ist Chefredakteur des Börsenbriefs „Aktien-Strategie“. Weitere Informationen zum Börsenbrief finden sie hier.
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