Von Jochen Steffens
Sehr witzig, erst rufen alle zum Sparen auf, denn Schulden seien das eigentliche Problem der Krise. Nun setzt die Regierung in Deutschland genau das um und wird dafür aus dem Ausland plötzlich getadelt. Der Sparkurs der Deutschen gefährde das Weltwirtschaftswachstum, heißt es da. "Hört, hört!", möchte man rufen.
Was gefährdet denn nun das Wachstum? Das Sparen oder das Schulden machen? Eine knifflige Frage? Oberflächlich nicht, im Detail schon.
Wie in vielen, wenn nicht allen Belangen des Lebens, kommt es auf die rechte Dosis an. Zu viele Schulden gefährden die Wirtschaftsentwicklung. Wenn der Staat zu viel Geld für Zinstilgungen aufbringen muss, wird er irgendwann notwendige Ausgaben und Investitionen nicht mehr tätigen können. Spart ein Staat hingegen zu viel, wird dem Geldkreislauf zu viel Geld „entzogen“. Notwendige Investitionen und Ausgaben für Infrastruktur, Bildung, Standortfaktoren usw. werden nicht getätigt. Wenn sogar gleichzeitig die Steuerbelastung steigt, würgen die höheren Steuern jedes weitere Wachstum ab.
Prophetisches Handeln
Es kommt also auf das rechte Maß an. Und hier beginnen die großen Schwierigkeiten. Niemand kann in die Zukunft sehen. Doch genau das wäre wichtig, um zu erkennen, wann gespart und wann investiert werden muss.
Ein günstiger Zeitpunkt für eine Regierung, mit dem Sparen anzufangen, wäre, wenn sie wüsste, dass man gerade vor einem großen Boom steht. Immerhin dauert es einige Zeit, bis das Sparen auch seine Wirkung zeigt. Ein günstiger Zeitpunkt, die Staatsausgaben zu erhöhen, wäre vor einer Krise. Eventuell könnte man diese dadurch erheblich abschwächen oder sogar verhindern.
Wenn man den vorherigen Absatz aus der Sicht eines Börsianers sieht, wird man direkt wissen, worum es geht. Der Staat muss antizyklisch handeln. Er muss agieren, bevor eine Entwicklung deutlich zu erkennen ist. Leider handeln jedoch die meisten Staaten (Menschen und Börsianer) eher prozyklisch. Das bedeutet, sie reagieren lediglich auf Ereignisse. Sie hinken damit allerdings den Entwicklungen grundsätzlich hinterher.
Eigentlich wurde bereits in der Bibel der genaue Fahrplan für eine Regierung angegeben. Dort heißt es: Nach sieben guten Jahren folgen sieben schlechte. Und dort steht auch schon der Hinweis, dass man in den guten Jahren alles tun muss, um sich auf die schlechten vorzubereiten. Auch das ist antizyklisches Handeln.
Geeigneter Zeitpunkt für Sparmaßnahmen?
Aufgrund des niedrigen Euro kann die Welt zur Zeit deutsche Waren mit einem Preisnachlass von bis zu 20 Prozent (aufgrund der Währungseffekte) erwerben, und das selbst bei Tiernahrung. Wie man bereits beim Autoabsatz erkennt, kann man somit erwarten, dass es in Deutschland in nächster Zeit zu einem kleinen Boom kommen wird (zumindest solange nicht weitere externe Faktoren belastend hinzukommen). So gesehen wären Sparmaßnahmen zur Zeit tatsächlich eher sinnvoll. Aber sie sollten wohldosiert bleiben. Zudem ist fraglich, ob der Boom bis 2014 anhält, denn die Regierung will bis 2014 rund 80 Milliarden Euro einsparen.
Das ist im Prinzip jedoch nur die Summe, die in der Krise durch Abwrackprämie und andere Konjunkturmaßnahmen investiert wurde (75 Milliarden Euro). Aus dieser Perspektive hat die Höhe des Sparpaketes eine gewisse Logik.
Doch letzen Endes werden wir wie immer erst im Nachhinein sagen können, ob die Sparmaßnahmen richtig oder falsch gewesen sind. Doch meistens sind die Beschlüsse von früher dann in der Bevölkerung wieder vergessen. Und Vergessen geht schnell. Wer zum Beispiel hätte vor einigen Wochen noch gedacht, dass es bald, wie es nun vielfach zu lesen ist, heißen wird: Zur Zeit belastet das Sparen die Kurse… .
Jochen Steffens ist Chefredakteur des kostenlosen Newsletters "Steffens Daily". Weitere Informationen finden sie hier.









