Von Bernd Niquet
Das heftige Anziehen des Ölpreises hat zu einem Anstieg der Teuerung geführt. Derzeit wird die Inflationsrate mit 4,0 Prozent angegeben und die Prognosen weisen auf weitere Steigerungen hin. Damit liegen die Preissteigerungen etwa doppelt so hoch wie von der EZB angestrebt, weshalb der Druck wächst, die Zinsen anzuheben und weiter anzuheben.
Immer wenn wir Inflation hören, fallen uns also Zinserhöhungen ein. Doch ist das wirklich ein probates Mittel, um die gegenwärtigen Preissteigerungen niederzuschlagen? Die Antwort auf diese Frage lässt sich in einem Wort ausdrücken: NEIN! Die Begründung braucht dann allerdings ein paar Worte mehr.
Schauen wir uns dazu an, wie eine Zinserhöhung auf die Wirtschaft wirkt. Dadurch werden die Kredite teuer, was im Normalfall zu geringeren Investitionen führt und auch die Konsumnachfrage drückt. Dadurch wird es einerseits für die Unternehmen schwerer, Preissteigerungen am Markt durchzusetzen, und andererseits müssen viele Wirtschafter aus dem Wirtschaftsprozess ausscheiden, weil sie sich nicht mehr finanzieren können oder sich ihre Tätigkeit nicht mehr lohnt.
Jede Inflationsbekämpfung zahlt also stets den Preis, die Wirtschaft in eine mehr oder weniger deutliche Rezession zu schicken, auf jeden Fall jedoch rezessive Tendenzen einzuleiten. Dieses Opfer ist dann angebracht, wenn man dadurch den Ausbruch einer Inflationsmentalität und den Start eines kumulativen Prozesses verhindern kann. Mit diesen beiden Begriffen ist das Eintreten einer Situation gemeint, in der der eine versucht, seine Preise anzuheben, weil der andere es auch getan hat, weshalb der andere nun wiederum genötigt ist, seine Preise erneut anzuheben – und sich dieser Prozess so immer weiter aufschaukelt.
Davon ist bei uns derzeit jedoch nichts zu bemerken. Der Preis für Rohöl hat sich an den Märkten in den vergangenen zwölf Monaten mehr als verdoppelt. Da sehr viele unserer Wirtschaftsgüter aus Erdöl bestehen oder durch den Einsatz von Erdöl hergestellt werden, ist es zwangsläufig, dass bei uns die Preise ansteigen. Und diesen Preisanstieg kann keine Notenbank aus der Welt schaffen. Auch die beste und makelloseste Notenbankpolitik muss diesen exogenen Schock akzeptieren. Und selbst in einer Goldwährung würde es ihn geben.
Und für eine Verdoppelung des Erdölpreises macht unsere Inflationsrate einen hervorragenden und sehr moderaten Eindruck. So lange wir aufpassen, dass die Lohnsteigerungen nicht über den Produktivitätsfortschritt hinausgehen, kann uns in dieser Hinsicht nichts passieren und gibt es für die Notenbank eigentlich keinen Grund, einzugreifen. Die Verteuerung des Ölpreises ist eine Lebensrealität für uns. Sie ist keine Ursache einer monetären Fehlentwicklung, sondern der Ausdruck der Tatsache, dass das Ölzeitalter sich dem Ende zuneigt. Für alle Ölimportländer, wie wir eines sind, bedeutet das zwangsläufig einen Wohlstandsverlust, der alle Bevölkerungsteile trifft, die Unternehmen, die Arbeitnehmer und die Konsumenten.
Das ist eine Lebensrealität, wie man es nicht oft genug betonen kann. Und Lebensrealitäten lassen sich durch keinerlei administrative Maßnahmen aus der Welt schaffen. Wer daher glaubt, eine noch härtere Geldpolitik werde die Inflationsrate wieder herunter schrauben, ist folglich kein Realist, sondern nichts anderes als ein Romantiker. Oder bestenfalls ein kopfloser Aktivist. Denn die Greifarme der EZB reichen nicht bis in die Bohrlöcher Russlands und der Golfstaaten. Das, was dort passiert, stellt für uns ein Datum dar, auf das wir keinerlei Einfluss haben. Und diesen Fakt können wir auch dadurch nicht ändern, indem wir plötzlich die Kalenderblätter anders beschriften oder die Menschen damit zu beeinflussen suchen, dass wir großen Teilen von Ihnen den Erwerb eines Kalenders unmöglich machen.
Anregungen oder Kritik bitte an Bernd Niquet.
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