Von Bernd Niquet
Nachdem die Chefin der evangelischen Kirche, Margot Käßmann, trunken im Auto erwischt wurde, las man in den Medien die Schätzungen von Experten, dass in der Bundesrepublik nur etwa jede 600. Alkoholfahrt aufgedeckt werden würde. Das ist eine interessante Zahl, denn sie vergleicht das Beobachtbare mit dem Unbeobachtbaren, stellt eine Relation zwischen dem Wissbaren und dem Unwissbaren her. Und niemand legt Protest ein oder fragt auch nur, wie man denn auf so eine Zahl kommt.
Wir glauben an unsere Wissenschaft, glauben daran, dass sie uns die Wahrheit liefert. Wir denken, die Wissenschaft könne das. Ein bisschen erinnert das alles an die alte DDR, in der man ja auch dachte, mit einem wissenschaftlich fundierten Marxismus und Leninismus auf der richtigen Seite zu sein. Dass Wissenschaft jedoch allenfalls Theorien aufstellen kann, die früher oder später an der Wirklichkeit scheitern, daran denkt kaum jemand. Oder es werden eben Banalitäten verkündet.
Dass Kinder, die ohne Vater aufwachsen, im späteren Leben Probleme haben werden, ist etwas, was jeder Mensch aus sich selbst heraus verstehen kann. Diese „menschliche Wahrheit“ wird wohl von niemandem in Frage gestellt werden. Braucht man daher eine Wissenschaft, die diese Tatasche noch einmal wie ein Blatt in ihre Schreibmaschine spannt und durch das gesamte wissenschaftliche Verfahren nudelt? Keineswegs, und trotzdem passiert so etwas tagtäglich. Und das liest sich dann so:
„Innerhalb eines Regressionsmodells wurde für die gesamte Verlaufsstichprobe (mittleres Untersuchungsintervall 11 Jahre, N=301) die verlaufsprädiktive Bedeutung psychometrischer, klinischer und frühkindlicher Variablen untersucht. Sowohl im Extremgruppenvergleich als auch innerhalb des Regressionsmodells bestand ein eigenständiger, statistisch bedeutsamer Zusammenhang zwischen einer Abwesenheit des Vaters (> sechs Monate in den ersten sechs Lebensjahren) und der psychogenen Beeinträchtigung im späteren Leben.“
Können wir uns leisten, für so etwas unser Geld auszugeben? Fügt das unserem Wissen etwas hinzu? Ich denke, man kann mit Recht sehr skeptisch sein.
Viel interessanter scheinen da ganz andere Dinge zu sein, die man aus dem eigenen Verstehen keinesfalls ableiten kann. Zum Beispiel: Was ist eigentlich mit den Langzeitfolgen von Süßstoff und rezeptfreien Schmerzmitteln wie Aspirin, Ibuprofen oder Paracetamol. Was ist, wenn man diese Substanzen zwar nur mäßig, aber regelmäßig über 50 oder 60 Jahre zu sich nimmt? Ich erinnere mich noch als ich Mitte der 80er Jahre zum ersten Mal in den USA war. Da stand auf den Tüten mit Süßstoff stets, dass dieser krebserregend wäre. Heute hingegen ist von so etwas nichts mehr zu lesen, jedenfalls nicht hierzulande, und das, obwohl es ja kaum noch Lebensmittel gibt, in denen kein Süßstoff vorkommt.
Beschäftigt man sich intensiver damit, weiß man sehr schnell, dass wir in dieser Hinsicht gar nichts wissen. Und letztlich auch nichts wissen können. Mehr als winzige Schnipsel sind uns nicht bekannt. Saccharin kann bei Ratten in extrem hohen Dosen Blasenkrebs auslösen und Paracetamol beispielsweise birgt bei ebenfalls hohen Dosen innerhalb kurzer Zeit das Risiko von Nierenversagen.
Doch viel mehr ist gar nicht wissbar. Denn wie sollte man auch zu solchen Ergebnissen kommen? Es ist ja schlichtweg nicht möglich, denn dazu müsste man Menschen über 50 bis 60 Jahre beobachten, wobei sie Identisches zu sich nehmen und identisch leben, nur die eine Versuchsgruppe eben Süßstoff und/oder Schmerztabletten konsumieren und die andere nicht. Und so etwas wird man nie hinbekommen.
Es bleibt also auch bei der Wissenschaft stets beim Glauben, mit Wissen ist hier hingegen nicht viel zu wollen.
Anregungen oder Kritik bitte an Bernd Niquet.
+++++++ AUCH 2010 NOCH FRISCH +++++++
Bernd Niquet, TAUPUNKTE, Erzählung, Engelsdorfer Verlag, Leipzig 2009, 133 Seiten, 9,95 Euro. ISBN 3-86901-434-2.
Das neue Buch von Bernd Niquet bezieht sich nicht direkt auf die Börse und die Finanzen, sondern packt den Menschen in seiner Gesamtheit. Wie wäre es, fragt er, wenn man plötzlich ganz neu in unsere Welt hinein träte, ohne jede Historie in ihr zu besitzen? Wie würde man die Welt dann wahrnehmen? Und mit wem hätte man Umgang?
Auf jeden Fall stünde man wohl ziemlich alleine da, schwämme gegen den Strom und bewegte sich gegen den Strich – ganz so also, wie es auch dem erfolgreichen antizyklisch orientierten Anleger geht.
Jetzt hier bestellen









