Von Bernd Niquet
„Wer dem Volk anstrengungslosen Wohlstand verspricht, lädt zu spätrömischer Dekadenz ein“, hatte der Außenminister und FDP-Vorsitzende Guido Westerwelle in einem Interview gesagt und sich damit Prügel von allen Seiten geholt. Nun mag die FDP derzeit zwar ein schreckliches Bild abgeben, eine grauenvolle Performance aufweisen und an diesem Bild einiges schief sein, der Kontext jedoch, auf den Westerwelle abzielt, hat es in der Tat in sich.
Denn hierbei geht es um nichts anderes als um die Tatsache, dass in manchen Lohngruppen kaum noch ein Lohn erwirtschaftet wird, der über den staatlichen Stützungssätzen liegt. Arbeiten bringt also für viele nichts mehr, weil sie auch ohne Arbeit das gleiche Geld beziehen können.
Was mich an der Auseinandersetzung mit diesem Fakt in der Öffentlichkeit so schockiert, ist, dass hier nur angeklagt, geschlagen, verunglimpft, getreten, verleumdet und herumgetratscht wird, jedoch niemand einmal hinterfragt, was diese Tatsache denn eigentlich wirklich bedeutet.
Denn anscheinend kann man die Dinge von zwei Seiten aus sehen, aus denen jedoch völlig andere Wahrheiten daraus erwachsen:
Auf der einen Seite sind heute in vielen Bereichen selbst die Tariflöhne, also nicht nur die Mindestlöhne oder der untertarifliche Betrug, sondern die den Regeln unserer Marktwirtschaft entsprechend ausgehandelten Löhne nicht mehr in der Lage, einer Familie mit Kindern ein höheres Einkommen zu bescheren als die Hartz-IV-Sätze. Auf der anderen Seite bedeutet das aber auch, dass die Unterstützungssätze heute so hoch liegen, dass sie durch eine tariflich entlohnte Arbeit in vielen Bereichen nicht mehr verdient werden können.
In der Summe ergibt sich daraus eine beklemmende Wahrheit, vor deren Anerkennung wir nicht mehr die Augen verschließen dürfen. Denn alle öffentlich aufgeführten Schaukämpfe der letzten Zeit haben ja nichts anderes zum Ziel, als sich vor der Wahrheit zu drücken. Jeder führt sein eigenes großes Theater auf, um für sich Punkte zu machen und den Gegner zu diskreditieren. Doch der Wahrheit wollen alle Seiten keinesfalls ins Auge sehen.
Und die beklemmende Wahrheit, von der ich spreche, lautet: In der gegenwärtigen weltwirtschaftlichen Lage ist das Anspruchsniveau, das wir uns selbst als lebensnotwendig zubilligen, nicht mehr am Markt zu erwirtschaften. Und Punkt. Das ist brutal, aber nicht mehr zu verleugnen.
Die Hartz-IV-Sätze sind einerseits zu niedrig, um auch weiterhin ein an unseren Mindestansprüchen gemessenen Lebensstandard zu genießen. Andererseits ist unser Lohngefüge so abgerutscht, dass dieser Mindeststandard am Markt für viele nicht mehr erzielbar ist. Wir haben es folglich gleich mit einem dreifachen Versagen zu tun: Erstens ist unser Sozialstaat zu sehr ausgeweitet worden, zweitens ist die freie Marktwirtschaft (und sogar die soziale Marktwirtschaft, so es denn so etwas gibt) nicht mehr in der Lage, unser gewohnheitsmäßiges Lebensniveau einer breiten Masse zu gewährleisten, und drittens sind unsere Ansprüche in jeglicher Hinsicht überzogen, in Hinsicht auf unseren Wohlstand wie in Hinsicht auf das Machbare.
Das ergibt einen schier unentwirrbaren Knoten, ein Gewirr, aus dem sich jeder das herauspicken kann, was ihm gefällt und den Rest unbeachtet lassen kann. In dieser Situation leben wir jetzt. Diesen Knoten zu entflechten, ist wohl illusorisch. Wir werden damit leben müssen. Wahrscheinlich können wir nur froh sein, wenn niemand Starkes mit einem Patentrezept zu seiner Durchschlagung kommt.
Anregungen oder Kritik bitte an Bernd Niquet.
+++++++ AUCH 2010 NOCH FRISCH +++++++
Bernd Niquet, TAUPUNKTE, Erzählung, Engelsdorfer Verlag, Leipzig 2009, 133 Seiten, 9,95 Euro. ISBN 3-86901-434-2.
Das neue Buch von Bernd Niquet bezieht sich nicht direkt auf die Börse und die Finanzen, sondern packt den Menschen in seiner Gesamtheit. Wie wäre es, fragt er, wenn man plötzlich ganz neu in unsere Welt hinein träte, ohne jede Historie in ihr zu besitzen? Wie würde man die Welt dann wahrnehmen? Und mit wem hätte man Umgang?
Auf jeden Fall stünde man wohl ziemlich alleine da, schwämme gegen den Strom und bewegte sich gegen den Strich – ganz so also, wie es auch dem erfolgreichen antizyklisch orientierten Anleger geht.
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