Von Bernd Niquet
Gerade ging der Fall durch die Presse, dass einer deutschen Familie, die ihre Kinder von der staatlichen Schule genommen hat, um sie selbst zu unterrichten, in den USA Asyl gewährt worden ist. Bei uns hätte dieses Unterfangen für die Eltern im Gefängnis und für die Kinder im Heim geendet. Und so hat denn auch der US-Richter von einer auf „beschämende Weise“ erfolgenden Diskriminierung von Minderheiten gesprochen sowie von „gut begründeter Furcht vor Verfolgung“, die folglich zur Gewährung des Asyls geführt haben.
Mein Vater durfte früher nicht zur Hitler-Jugend, weil mein Großvater in extremem Maße gegen Hitler eingestellt war. Genutzt hat das freilich niemandem etwas: Das Regime ist dadurch nicht ins Straucheln gekommen und mein Vater wurde zum Außenseiter. Man muss also in die Schule gehen, wie man zur Hitler-Jugend gehen musste. Es sei denn, man hat genug Geld und kauft sich davon frei. Dann geht man gleich in einen elitären Zirkel und eine Privatschule.
Das Schicksal der Bundesrepublik Deutschland in den nächsten Jahrzehnten hängt an ihrer finanziellen Situation und an ihrer Jugend. Wie wir jedoch mit unseren Kindern umgehen, ist eigentlich nicht anders als verbrecherisch zu nennen. Unser Schulsystem ist nicht nur völlig ungenügend ausgestattet in jeglicher Hinsicht – von der Infrastruktur bis hin zum Personal. Wir besitzen auch ein Auswahlsystem, in dem nicht die Stärken der Kinder das entscheidende Moment bildet, sondern die Herkunft und der Einsatz der Eltern. Auf die Pool-Position im Jobmarkt kommen nicht die Fähigsten und Besten, sondern die Muttersöhnchen und die Töchter mit Pappis Geld.
Nur einen einzigen Tag als Außenstehender in einer Klasse einer Grundschule in einem beliebigen Bundesland zu verbringen, geht an die Grenze dessen, was man an Schmerz ertragen kann. Und das Schlimmste ist: Es ist alles so offensichtlich, doch es passiert nichts!
Die Klassenlehrerin vorne am Pult gibt ihr Bestes. Sie ist eine bewundernswerte Frau, bereitet den Stoff anschaulich und mit viel Einsatz und Mühe für die Kinder auf. Von denen sind viele mit großem Eifer dabei. Doch man sieht sofort auch die Schwachstellen. Einige Kinder kommen nicht mit, bei manchen hapert es zu Hause, das kann man bereits an der Kleidung und an den Gesten der Kinder sehen. Und alle diese Kinder sind bereits jetzt verloren. Sie sind auf der abschüssigen Bahn, und jeder weiß das. Doch es ist niemand da, etwas dagegen zu tun. So überlässt man sie ihrem Schicksal.
Natürlich, es können in einer Gesellschaft nicht alle Menschen Abitur machen und an die Universität gehen. Wir brauchen auch Menschen für die einfacheren Arbeiten. Doch wir leben heute im 21. Jahrhundert, mit Angelernten und Hilfsarbeitern werden wir in Zukunft nicht bestehen können. Neben der ungemeinen Brutalität und Willkür, Kinder sehenden Auges in die Katastrophe gleiten zu lassen, können wir uns wirtschaftlich so ein Verhalten nicht erlauben, denn wir züchten unsere Hartz-IV-Empfänger bereits im Kindesalter.
Mir ist eine ganz einfache Lösung eingefallen, die eigentlich viel zu einfach ist, um nicht darauf zu kommen. In jeder Schulklasse müsste es einen zweiten Ausbilder geben, eine Art Supervisor, der alle Problembereiche beobachtet, aufdeckt und von sich aus mit den Kindern und deren Eltern zu verbessern sucht. Der für nichts anderes zuständig ist als dafür, dass das (teure) Bildungsangebot auch wirklich etwas bewirkt (und nicht an vielen vorbei läuft und verpufft.)
So eine Investition würde sich natürlich trefflich rechnen. Doch ich kenne natürlich das Standard-Argument. Doch wer nicht einmal das Geld besitzt, die notwendigen Löhne und Gehälter für so eine Investition vorzuschießen, ist in der Tat bereits jetzt vollständig am Ende und Pleite.
Anregungen oder Kritik bitte an Bernd Niquet.
+++++++ AUCH 2010 NOCH FRISCH +++++++
Bernd Niquet, TAUPUNKTE, Erzählung, Engelsdorfer Verlag, Leipzig 2009, 133 Seiten, 9,95 Euro. ISBN 3-86901-434-2.
Das neue Buch von Bernd Niquet bezieht sich nicht direkt auf die Börse und die Finanzen, sondern packt den Menschen in seiner Gesamtheit. Wie wäre es, fragt er, wenn man plötzlich ganz neu in unsere Welt hinein träte, ohne jede Historie in ihr zu besitzen? Wie würde man die Welt dann wahrnehmen? Und mit wem hätte man Umgang?
Auf jeden Fall stünde man wohl ziemlich alleine da, schwämme gegen den Strom und bewegte sich gegen den Strich – ganz so also, wie es auch dem erfolgreichen antizyklisch orientierten Anleger geht.
Jetzt hier bestellen.









