Von Bernd Niquet
Um 5 Prozent soll die im BIP (Bruttoinlandsprodukt) gemessene Wirtschaftsleistung im vergangenen Jahr gesunken sein, liest man derzeit überall. Doch stimmt das eigentlich so?
Schaut man einmal näher hin, kommt man schnell darauf, dass der Rückgang zu einem großen Teil auf einer statistischen Besonderheit, die man „statistischen Unterhang“ nennt, basiert.
Dieses Phänomen ergibt sich dadurch, dass die Wirtschaft 2008 bis zum III. Quartal kontinuierlich gewachsen ist, anschließend jedoch im IV. Quartal sehr heftig saisonbereinigt real um 2,4 Prozent zurückgefallen ist. Dadurch nun startet die Wirtschaftsleistung 2009 auf einem derart niedrigen Niveau, dass alle Quartalsergebnisse, die jeweils gegenüber dem Vorjahresquartal gemessen werden, zwangsläufig im Minus liegen müssen. So sehen dann auch die Werte für die ersten drei Quartale 2009 mit minus 6,4 Prozent, minus 7 Prozent und minus 4,7 Prozent gegenüber den entsprechenden Vorjahresquartalen desasterhaft aus.
Betrachtet man hingegen die Entwicklung gegenüber dem jeweiligen Vorquartal, so wächst die Wirtschaft nach einem Rückfall von 3,5 Prozent im I. Quartal 2009 in der saisonbereinigten Rechnung bereits im II. und III. Quartal mit plus 0,4 und plus 0,7 Prozent wieder. Der extreme Rückgang basiert also in der Hauptsache auf der Berechnungsart, dass nämlich jede Zahl stets im Vergleich zum entsprechenden Quartal des Vorjahres gesehen wird.
Viel ausdrucksstärker finde ich, wenn man einfach die Gesamtzahl aus dem Jahr 2009 mit derjenigen von 2008 vergleicht. Doch hier merkt man sehr schnell, dass jeder Versuch, sich die absoluten Zahlen zu besorgen, sofort ergibt, dass sämtliches Pressematerial stets die nur schwer durchschaubaren Prozentangaben enthält, die absoluten Zahlen hingegen niemals. Ob dahinter eine Methode steckt?
Als ich die absoluten Zahlen des BIP dann tatsächlich finde, addiere ich die jeweiligen realen Quartalswerte und komme für das Jahr 2008 auf eine gesamte Wirtschaftsleistung von 2.495,8 Milliarden Euro. Für 2009 ergeben sich unter der sehr vorsichtigen Prämisse, dass das letzte Quartal, dessen Zahlen noch nicht vorliegen, nur genauso und nicht besser gelaufen ist als das III. Quartal, 2.401,1 Milliarden Euro. Wenn sich jetzt mein Taschenrechner nicht irrt, ergibt das einen Rückgang der Wirtschaftsleistung im vergangenen Jahr gegenüber 2008 um exakt 3,79 Prozent.
Das spiegelt natürlich ebenfalls einen sehr heftigen Einbruch der Wirtschaft wider, allerdings sind hier weit und breit keine 5 Prozent zu sehen, wie man sie ansonsten überall hört. Die 5 entpuppt sich damit also als rein statistisches Artefakt ohne realen Hintergrund.
Anregungen oder Kritik bitte an Bernd Niquet.
+++++++ AUCH 2010 NOCH FRISCH +++++++
Bernd Niquet, TAUPUNKTE, Erzählung, Engelsdorfer Verlag, Leipzig 2009, 133 Seiten, 9,95 Euro. ISBN 3-86901-434-2.
Das neue Buch von Bernd Niquet bezieht sich nicht direkt auf die Börse und die Finanzen, sondern packt den Menschen in seiner Gesamtheit. Wie wäre es, fragt er, wenn man plötzlich ganz neu in unsere Welt hinein träte, ohne jede Historie in ihr zu besitzen? Wie würde man die Welt dann wahrnehmen? Und mit wem hätte man Umgang?
Auf jeden Fall stünde man wohl ziemlich alleine da, schwämme gegen den Strom und bewegte sich gegen den Strich – ganz so also, wie es auch dem erfolgreichen antizyklisch orientierten Anleger geht.
Jetzt hier bestellen.









