Von Bernd Niquet
Was macht ein Unternehmen, um die Pleite zu verhindern, wenn kein Geld mehr zur Verfügung steht? Und was ein Fußballverein in derselben Situation? Wenn es nicht mehr möglich ist, sich teure Spieler zu kaufen, ist man gezwungen, auf die eigene Jugend zu setzen. Und im Verein wie im Unternehmen werden die Entscheidungsträger versuchen, neue Wege zu gehen, alte Hierarchien aufzubrechen und Kreativität freizusetzen. Man wird sich schlichtweg einfach mehr kümmern um die Dinge, die man vorher hat schleifen lassen.
Was hingegen macht die Bundesrepublik Deutschland, die mit ihren desolaten Staatsfinanzen ausschließlich noch vom Wohlwollen ihrer Gläubiger lebt? Sie macht nichts von allem. Sie zementiert die Besitzstände der Etablierten und lässt ihre Jugend und alle, die keine entsprechende Lobby haben, verkommen.
Über die Situation in den Problemregionen Berlins und anderer Großstädte mit hohem Migrationshintergrund muss man ja kein Wort mehr verlieren und darf das eigentlich auch nicht, will man nicht gebrandmarkt werden. Was mich jedoch vor kurzem in heftiger Weise aufgeschreckt hat, kommt aus einer ganz anderen Richtung, nämlich aus dem friedlichen und reichen Bayern.
Ich kann es nicht mehr nachverfolgen, doch kürzlich liefen in den Spartenkanälen der Öffentlich-Rechtlichen zwei Dokumentationen, in denen Grundschüler der vierten Klassen vor der lebenswichtigen Gymnasium-, Real- oder Hauptschul-Entscheidung sowie eine Klasse vor dem Abitur über ein Jahr hinweg beobachtet wurden. Was den Kindern da vor dem Abitur zugemutet wird, würde sich kein Arbeitgeber in der Bundesrepublik mit seinen Beschäftigten trauen. Es ist ein Dauerdienst rund um die Uhr, nur um in 12 Jahren zu schaffen, was nicht einmal in 13 Jahren in ein Hirn passt, weil es so weltfremd und unnütz ist, dass 90 Prozent aller Schüler später davon 90 Prozent nicht mehr gebrauchen können.
Die wirkliche Tragik liegt jedoch bei den Viertklässlern. Hier müssen sich zehnjährige Kinder ein ganzes Jahr lang einem Auswahlprozess stellen von andauernden Leistungstests und einem Auswahlverfahren, in dem es hinterher auf halbe Punkte in Tests und zweite Nachkommastellen im Notendurchschnitt ankommt.
Was hier geschieht ist nichts anderes als die Beschneidung von Kindern in Afrika, nur dass wir das nicht auf der körperlichen, sondern auf der geistigen Ebene vollziehen, denn dieser Prozess stellt eine Erniedrigung und ein Zurückschneiden und Zurechtstutzen dar. Er fördert nicht die Stärken der Kinder, selbstbestimmt und autonom zu handeln, sondern er degradiert sie zu passiven Reaktoren, die willfährig nachbeten, was ihnen vorgebetet wird, nur um die entsprechende Note zu erhalten.
Schon als kleines Kind erleben die Menschen so, einer großen Maschine ausgeliefert zu sein, in der das Eigene nicht zählt. Man muss auf Teufel komm heraus liefern, was gefordert ist, ansonsten hat man keine Chance. So werden eigene Kompetenz und Verantwortung systematisch aberzogen. Das Strammstehen ist wieder gefragt. Und das Einzige, was einen noch wundert, ist, dass es so wenig Amokläufe und noch immer keinen neuen starken Mann gibt.
Leistung ist wichtig, Wissen und Bildung auch. Doch noch wichtiger ist es, den Kindern nicht das eigene Selbst und ihre Autonomie zu nehmen. Und was das Schlimmste an diesem frühen Auswahlmechanismus ist, der bereits im 10. Lebensjahr festlegt, was ein Kind in seinem Leben erreichen kann und was nicht: Die soziale Komponente entscheidet fast zu hundert Prozent. Die Kinder, die Eltern haben, die sich um sie kümmern und sie zur Leistung bringen, werden zwar zu seelischen Krüppeln, aber auch das Abitur machen und die zukünftige Elite bilden. Wohingegen die Kinder, die keine sonderliche elterliche Förderung erfahren, schon mit 10 Jahren auf dem Abstellgleis landen. Doch kann sich ein Wirtschaftsriese wie die Bundesrepublik Deutschland so eine Zweiteilung der Gesellschaft wirtschaftlich und sozial leisten?
Anregungen oder Kritik bitte an Bernd Niquet.
+++++++ AUCH 2010 NOCH FRISCH +++++++
Bernd Niquet, TAUPUNKTE, Erzählung, Engelsdorfer Verlag, Leipzig 2009, 133 Seiten, 9,95 Euro. ISBN 3-86901-434-2.
Das neue Buch von Bernd Niquet bezieht sich nicht direkt auf die Börse und die Finanzen, sondern packt den Menschen in seiner Gesamtheit. Wie wäre es, fragt er, wenn man plötzlich ganz neu in unsere Welt hinein träte, ohne jede Historie in ihr zu besitzen? Wie würde man die Welt dann wahrnehmen? Und mit wem hätte man Umgang?
Auf jeden Fall stünde man wohl ziemlich alleine da, schwämme gegen den Strom und bewegte sich gegen den Strich – ganz so also, wie es auch dem erfolgreichen antizyklisch orientierten Anleger geht.
Jetzt hier bestellen.









