Von Bernd Niquet
In dieser Woche lief in der ARD der Zweiteiler „Gier“ von Dieter Wedel, der dem realen Betrugsfall von Jürgen Harksen in vieler Hinsicht nachgeformt ist. So etwas kommt natürlich für einen Börsianer, der gerade nach den gierigen Zeiten von 1996 bis 2000 sowie 2003 bis 2008 die heftigste Finanzkrise der Nachkriegsgeschichte miterleben musste, gerade recht.
Doch leider wirkt nichts an diesem Film realistisch. Und wahrscheinlich hat man das auch gar nicht beabsichtigt, merkwürdig ist nur, dass der Film der Öffentlichkeit gerade so verkauft wurde. Der Film erinnert in den meisten Passagen an ein überzogenes, überpointiertes Theaterstück. Ja, was hier aufgeführt wird, ist purer Slapstick. Und das kann ja auch richtig Spaß machen.
Was hingegen viel ärgerlicher ist, ist, dass der Film von der ersten Minute an nicht nur aus der Sicht, sondern auch im Weltverständnis derjenigen gedreht ist, die angesichts ihrer ungeheuren Dummheit geprellt werden. Ob das damit zu tun hat, dass der Regisseur Dieter Wedel selbst einem Betrüger aufgelaufen ist, möchte ich nicht spekulieren.
Schon die erste Szene ist stil- und sinnbildend für alles Weitere. Da bietet der Protagonist Dieter Glanz ein Bild von Van Gogh an, das aus dessen „roter Phase“ stammen soll, das jedoch noch niemand gesehen hat und alle nur wissen, dass der Preis ein Schnäppchen sei. Und sofort sieht man Bürgermeister (!) und sonstige Verwalter öffentlicher Kassen, wie sie sich die Hände reiben, Budgetplanungen umstellen und jeder für sich zum Scheckbuch (!) greifen, um die Anzahlung dafür zu leisten. Für wie dämlich hält man den Zuschauer eigentlich, so etwas zu glauben? Dass es letztlich gar keine „rote Periode“ von Van Gogh gab, ist zwar eine nette Pointe, die scheckzückenden Bürgermeister machen diese jedoch nicht nur vollständig kaputt, sondern bringen den ganzen Film von Anfang an auf die schiefe Bahn.
Der Titel „Gier“ ist daher völlig falsch gewählt. Der Film, der sich hinter diesem Titel verbirgt, hat sein Thema radikal verfehlt. Das, was wir sehen, sollte treffender den Titel „Idioten“ tragen. Jedenfalls ist von Gier 180 Minuten lang nichts zu merken. Keine der Personen handelt aus Gier. Alles beginnt mit einer völlig unnatürlichen Anhäufung von Blödheit und endet in der puren Angst und Verzweiflung, überhaupt noch etwas heraus zu bekommen. Und die Blödheit, die man beobachtet, man möge mir das verzeihen, ist keineswegs die Blödheit der Protagonisten.
Im Unterschied zur Fernsehkritik, wie ich sie (hauptsächlich in der FAZ) gelesen habe, die den ersten Teil sehr lobt und den zweiten flach und langweilig findet, sehe ich gerade im zweiten Teil die große Stärke dieses Film. Wie die Anleger sich hier verzweifelt von einer zur nächsten Versprechung hangeln, wie sie, obwohl sie das Vertrauen schon völlig verloren haben, sich immer wieder von neuen windigen Versprechungen einfangen lassen, das lohnt sich in der Tat anzusehen.
Die Masche, mit der der Betrüger Dieter Glanz jeden einzelnen Zweifelnden durch persönliche Ansprache wieder in die Spur bekommt, lässt sich zudem wunderbar auf alle anderen Gebiete menschlichen Zusammenlebens übertragen. Und dass der Film hier vermeintliche Längen aufweist, macht letztlich sogar seine Stärke aus. Denn hier ist man als Zuschauer gleichzeitig gefesselt und angeödet, doch genau das soll ja gezeigt werden.
Anregungen oder Kritik bitte an Bernd Niquet.
+++++++ AUCH 2010 NOCH FRISCH +++++++
Bernd Niquet, TAUPUNKTE, Erzählung, Engelsdorfer Verlag, Leipzig 2009, 133 Seiten, 9,95 Euro. ISBN 3-86901-434-2.
Das neue Buch von Bernd Niquet bezieht sich nicht direkt auf die Börse und die Finanzen, sondern packt den Menschen in seiner Gesamtheit. Wie wäre es, fragt er, wenn man plötzlich ganz neu in unsere Welt hinein träte, ohne jede Historie in ihr zu besitzen? Wie würde man die Welt dann wahrnehmen? Und mit wem hätte man Umgang?
Auf jeden Fall stünde man wohl ziemlich alleine da, schwämme gegen den Strom und bewegte sich gegen den Strich – ganz so also, wie es auch dem erfolgreichen antizyklisch orientierten Anleger geht.
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