Von Bernd Niquet
Überall ergeben sich derzeit verzwickte Probleme. Und manchmal ist die Schule wirklich eine Schule fürs Leben. Der erste Elternabend des Jahres ist stets ein Elternsprechtag, bei dem alle 25 Eltern hintereinander jeweils 10 Minuten individuelle Gesprächszeit bei der Klassenlehrerin haben. In den vorangegangenen Jahren sollten dazu die Eltern jeweils im Voraus Terminwünsche zwischen 14 und 18 Uhr bekannt geben.
Da sich die Koordinierung der individuellen Wünsche so jedoch als unlösbar erwies, ist man in diesem Jahr auf eine andere Lösung gekommen: Die Reihenfolge wurde willkürlich festgelegt, doch die Eltern haben anschließend die Möglichkeit, untereinander die Termine zu tauschen. Das ist die perfekte Marktlösung.
Und weil es eine perfekte Marktlösung darstellt, lässt sich daran in ausgezeichneter Form sowohl die Funktion des Marktes als auch das Manko der herrschenden Wirtschaftstheorie verdeutlichen:
Die Wirtschaftssubjekte, hier die Eltern, werden alle für sich mit einer Anfangsausstattung eines Zeitrahmens versehen, anstelle von Ressourcen in der normalen Theorie. Und nun ist es an ihnen, ihre Anfangsausstattungen so gegeneinander zu tauschen, dass im Endeffekt eine vergleichsweise optimale Situation entsteht, in der keine Veränderung mehr erzielbar ist, bei welcher ein Elternpaar besser gestellt (also dichter an ihre subjektiv bestmögliche Zeitvorstellung gebracht) werden kann, ohne ein anderes schlechter zu stellen.
Das ist die herrschende Markttheorie in zwei Sätzen erklärt. Ergebnis: Der freie Markt ist der optimale Platz zur Herstellung eines optimalen Tauschergebnisses. Was jedoch sind die Voraussetzungen zur Erzielung dieses Ergebnisses? Hier gibt es Standardpunkte, aber auch einen Punkt, den kaum jemand jemals beachtet. Die vieldiskutierten Standards bestehen in optimalen Kommunikationsmöglichkeiten und geringen Transaktionskosten, alle Eltern müssen also mit allen Eltern reden.
Was jedoch nirgendwo beachtet wird: Das Ergebnis, dass der freie Markt zum Optimum führt, basiert auf der Grundannahme, dass jegliches Wirtschaften stets im Tauschen einer gegebenen Anfangsausstattung besteht. Zwar kann man eine Wirtschaft durchaus so modellieren, doch man sollte sich dabei klar sein, dass ein derartiger Ansatz von vornherein jede Thematisierung von Entwicklung und Wachstum verbietet. Das jedoch tut niemand.
Und so leben wir heutzutage in einer gespaltenen und schizophrenen Welt, in der die Ökonomen einerseits in der Politikberatung stets die Wachstumskarte ziehen und nach Wachstum rufen, andererseits jedoch diese Ratschläge aufgrund einer Theorie geben, in der Wachstum überhaupt nicht thematisiert werden kann. Dieses Defizit wird allerdings in keiner Weise reflektiert.
Stellvertretend dazu wirft man der Profession heute jedoch andere Dinge vor, wie beispielsweise die Tatsache, dass die Theorie stets von rationalem Verhalten ausgehe, wirkliche Menschen sich jedoch keinesfalls rational verhalten. Das klingt zwar auf den ersten Blick plausibel, ist es aber nicht. Jede Theorie muss zwangsläufig rationales Verhalten postulieren, denn würde sie (zeitweise) irrationales Verhalten annehmen, dann wäre das ebenfalls eine rationale Entscheidung.
Alle Irrationalitäten bleiben also stets und immer ein Spiegelbild der Rationalität, was allerdings niemals, niemals, niemals jemand in der öffentlichen Diskussion verstehen wird, weshalb es auch sinnlos ist, sich weiter darüber auszulassen oder aufzuregen, und diese Kolumne folglich an dieser Stelle zu Ende ist.
Anregungen oder Kritik bitte an Bernd Niquet.
+++++++ AUCH 2010 NOCH FRISCH +++++++
Bernd Niquet, TAUPUNKTE, Erzählung, Engelsdorfer Verlag, Leipzig 2009, 133 Seiten, 9,95 Euro. ISBN 3-86901-434-2.
Das neue Buch von Bernd Niquet bezieht sich nicht direkt auf die Börse und die Finanzen, sondern packt den Menschen in seiner Gesamtheit. Wie wäre es, fragt er, wenn man plötzlich ganz neu in unsere Welt hinein träte, ohne jede Historie in ihr zu besitzen? Wie würde man die Welt dann wahrnehmen? Und mit wem hätte man Umgang?
Auf jeden Fall stünde man wohl ziemlich alleine da, schwämme gegen den Strom und bewegte sich gegen den Strich – ganz so also, wie es auch dem erfolgreichen antizyklisch orientierten Anleger geht.
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