Von Bernd Niquet
Es klingt fast wie eine Verschwörungstheorie, doch ich bestehe darauf, dass es keine ist. Die Entwicklungen passen jedoch auf furchterregende Weise zusammen. Man muss eigentlich nur die Augen weit genug aufmachen und selber schauen.
Nehmen wir eine aktuelle Diskussion als Startpunkt: Der Platz für Kleinkinder in der Kindertagesstätte soll jetzt vom Staat garantiert werden, weshalb plötzlich auch diejenigen, die vorher keinen Bedarf hatten, diesem Angebot nachjagen, so dass die vorhandenen Plätze gar nicht mehr ausreichen. Bald sind alle rundherum versorgt. Wie meint es der Staat doch gut mit uns.
Doch warum müssen Kinder eigentlich in Kindertagesstätten gehen? Die Begründung hat zwei Wurzeln:
(1) Der ökonomische Aspekt: Kinder müssen in Kitas, weil Alleinverdiener die Familie nicht mehr über die Runden bringen können. Doch warum können Alleinverdiener die Familie nicht mehr über die Runden bringen? Weil das Einkommen den Bedürfnissen nicht mehr entspricht? Doch warum ist das so?
Weil das Einkommen von einer hohen Steuer- und Abgabenlast so weit gedrückt wird, dass es nicht mehr ausreicht, die eigenen Entscheidungen frei zu treffen, sondern die Menschen zwingt, das staatliche Betreuungsangebot anzunehmen, um ihrerseits das Geld für die Finanzierung des damit verbundenen Umlagesystems zu verdienen.
(2) Der psychologisch-soziologische Aspekt: Durch jahrzehntelange intensive Einwirkungen hat man die Menschen Zweierlei glauben gemacht: Erstens, dass jeglicher Wohlstand an der Höhe der verfügbaren Konsumgüter festzumachen ist, und zweitens, dass eine Selbstverwirklichung des Menschen nur im Rahmen des Marktprozesses möglich ist.
Man muss also einen Job haben und einkaufen gehen, ansonsten ist man kein vollwertiger Mensch. Betrachtet man dies aus historischer Perspektive, ist die damit verbundene Verformung unschwer zu verleugnen. Über Jahrhunderte hinweg galten nämlich ganz andere Ideale, doch jetzt hat man nun einmal dem Esel die Möhre vor der Nase gehängt und da kann er eben nicht mehr anders. Was muss da für eine gewaltige Kraft wirken, um den Menschen so erfolgreich von etwas wegzubringen, was das Innere jeden gesunden Menschen eigentlich als Optimum bezeichnen wird? Das Aufziehen der eigenen Kinder jedoch durchweg in fremde Hände zu geben, so etwas kann nur Nazis oder anderen innerlich deformierten Menschen einfallen.
In der Quintessenz ergibt sich aus beiden Aspekten eine gespenstische Parallelität: Die psychologisch-soziologische Verformung und das ökonomische Zwangssystem gesellen sich wie zwei Seiten einer Medaille zueinander und ergeben eine neue DDR im Orwell-Land. Natürlich ist diese DDR weit größer, sie reicht ja bis nach Mallorca und zu den Malediven, und auch wer hier den Mund aufmacht, bekommt dafür zwar nicht Knast, sondern Hartz IV.
Insoweit geht es uns natürlich sehr viel besser. Es geht uns wie den Maden im Speck. Und vielleicht ist dieser Vergleich tatsächlich der treffendste: Wir sind wie die Maden im Speck, vielleicht nicht mehr als ein Laborexperiment. Wir essen das, was man uns hingestellt hat, und wir machen, was man von uns verlangt. Mit Freiheit und Selbstbestimmung hat das alles jedoch nicht das Geringste zu tun.
Anregungen oder Kritik bitte an Bernd Niquet.
+++++++ AUCH 2010 NOCH FRISCH +++++++
Bernd Niquet, TAUPUNKTE, Erzählung, Engelsdorfer Verlag, Leipzig 2009, 133 Seiten, 9,95 Euro. ISBN 3-86901-434-2.
Das neue Buch von Bernd Niquet bezieht sich nicht direkt auf die Börse und die Finanzen, sondern packt den Menschen in seiner Gesamtheit. Wie wäre es, fragt er, wenn man plötzlich ganz neu in unsere Welt hinein träte, ohne jede Historie in ihr zu besitzen? Wie würde man die Welt dann wahrnehmen? Und mit wem hätte man Umgang?
Auf jeden Fall stünde man wohl ziemlich alleine da, schwämme gegen den Strom und bewegte sich gegen den Strich – ganz so also, wie es auch dem erfolgreichen antizyklisch orientierten Anleger geht.
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