Von Jochen Steffens
In nächster Zeit werden die Reaktionen der Märkte auf positive Konjunkturdaten interessant. Immerhin werden positive Konjunkturdaten die Wahrscheinlichkeit von Zinserhöhungen in den USA erhöhen. Der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Norbert Walter, hat zum Beispiel gerade prognostiziert, daß die US-Notenbank die Zinsen Mitte des Jahres anheben wird. Vor nichts hat der Aktienmarkt zur Zeit mehr Angst als vor steigenden Zinsen und der damit verbundenen Verringerung der Liquidität. Das liegt daran, daß die meisten Analysten davon überzeugt sind, die Rallye sei liquiditätsgetrieben, ihr fehle es an wirtschaftlicher Substanz. Sobald also jemand an der Liquidität rumpfuscht, wird es an den Märkten kritisch – so die Analysten.
Erschwerend kommt hinzu, daß viele Analysten, aber auch ein großer Teil der Anleger, grundsätzlich eine höchst negative Zukunftssicht haben. Die meisten können sich zwar noch vorstellen, daß durch die niedrigen Zinsen die Aktienmärkte weiter steigen, aber was kommt danach?
Von allen Seiten höre ich nur, daß das dicke Ende noch kommen werde. Die Einen rechnen mit einer Inflation, der einige Zeit später eine tiefe Rezession folgt. Andere rechnen direkt mit einer langen Rezession, mit inflationären oder deflationären Tendenzen. Sobald der Blick noch weiter in die Zukunft geht, wird es erst richtig düster: Demographische Schieflagen, die Verknappung der Ressourcen, klimatische Veränderungen, das Ende des unbegrenzten Wachstums, das Ende der Wohlfühlgesellschaft und das Ende des Kapitalismus werden prognostiziert. China als neue moralfreie Wirtschafts- und Weltmacht, Rußland als unberechenbarer Ressourcenlieferant, ein Iran, der Atomraketen baut – die Liste der negativen Szenarien will einfach nicht abreißen.
(Ich möchte kurz anmerken, daß ich bei weitem nicht so negativ gestimmt bin! Ich bin ein antizyklisch denkender Mensch. Dazu aber in den nächsten Wochen und Monaten mehr, da dies ein anderes Thema ist.)
Wenn in so einer emotional belasteten Situation die US-Notenbank auch noch wagen sollte, die Zinsen anzuheben – ganz böse. Das ist alles sicherlich etwas überspitzt dargestellt, aber es soll deutlich machen, wie die Börsianer zur Zeit ticken. Diese Rallye wird von vielen nur als vorrübergehender „Fehler“, als eine seltsame Blüte des Marktes angesehen.
Das Problem ist, wenn die Menschen so denken, sind sie alle sehr gerne bereit, bei kleinsten Anlässen die Reißleine zu ziehen und auszusteigen. Und eben aus diesem Grund ist die Frage „Zinserhöhungen oder nicht?“ so brisant.
Ähnlichkeiten zu 2004
Wir hatten diese Situation bereits schon einmal, nämlich im Jahr 2004. Damals hat auch die Sorge um die Zinserhöhungen den Aufwärtstrend erst einmal beendet. Damals war die Stimmung ähnlich trüb. Also, was aus Sicht der Rallye nicht passieren darf, ist, daß die Märkte Angst bekommen, die Fed werde die Zinsen anheben. Noch schlimmer wäre es, wenn die Märkte denken, die Fed erhöht die Zinsen nicht aufgrund guter wirtschaftlicher Rahmendaten, sondern lediglich, um eine Inflation zu bekämpfen.
Damit ist fast sicher, daß das Thema „US-Leitzinserhöhungen“ in den kommen Monaten unser ständiger Begleiter sein wird. Umso gespannter bin ich auf die US-Arbeitsmarktdaten, die am Freitag veröffentlicht werden. Es wird mit einem weiteren Rückgang des Abbaus von Arbeitsplätzen gerechnet. Mich würde interessieren, wie der Markt auf sehr positive Nachrichten vom Arbeitsmarkt reagieren wird. Sollte er in einer ersten euphorischen Reaktion anziehen, um anschließend wieder einzubrechen, wäre das ein Beleg dafür, daß Zinserhöhungsängste bereits jetzt den Markt regieren. So oder so, die „neu geschaffenen Stellen“ werden der Dreh- und Angelpunkt in dieser Woche. Ich glaube somit nicht, daß der Markt vor diesen Zahlen noch größere Sprünge macht.
Jochen Steffens ist Chefredakteur des kostenlosen Newsletters "Steffens Daily". Weitere Informationen finden sie hier.









