Von Bernd Niquet
Das Weihnachtsfest ist vorbei und der Jahreswechsel steht an. Wie die Zeit doch rennt, schon wieder ist eine Dekade vorbei. Vor zehn Jahren noch rechnete man fest mit dem Weltuntergang zur Jahrtausendwende, seitdem hat man jedoch Ersatz in der Klimakatastrophe gefunden. Doch pünktlich zum Fest zeigt uns die Realität das genaue Gegenteil davon.
Die wirklichen Katastrophen liegen woanders, sie sind mit bloßem Auge kaum zu sehen, sind nicht das Große und Spektakuläre, sondern vielmehr im Kleinen verborgen. Die Anstrengungen, unser Rundum-Bequem-System zu halten, werden langsam untragbar. Die Neuverschuldung des Staates verdoppelt sich im kommenden Jahr und die absoluten Schulden liegen schon seit Langem jenseits des Vorstellbaren.
Bereits heute wird jeder dritte erwirtschaftete Euro den Finanzierungs- und Umverteilungsregelungen des Sozialsystems zugeführt. In der mittleren Pflegestufe kostet ein Platz in einem Pflegeheim etwa 3.300 Euro. Die Pflegeversicherung steuert dazu knapp 1.500 Euro zu. Die Unterdeckung von 1.800 Euro im Monat ist selbst zu tragen. Wenn wir demnächst alle 100 Jahre alt werden und dafür zwanzig Jahre im Heim verbringen, benötigt man dazu ein Vermögen von mehr als 400.000 Euro. Die Hälfte der Deutschen besitzen indes keinerlei Vermögen. Hier liegt die Katastrophe und sie ist unabhängig von der Außentemperatur.
Bei anderen ist das Geld in Immobilien gebunden. Oder in Geländewagen verpulvert. Aber das Weihnachtsgeschäft ist hervorragend gelaufen. Und wenn das Weihnachtsgeschäft gut läuft, dann geht es auch der Wirtschaft gut; sagt man. Wir sollten also konsumieren und nicht sparen, sagt man. Doch wir sind wie Wechselbetrüger, die jeden fälligen Wechsel mit einem höheren und länger laufenderen Wechsel ersetzen. Und sterblich scheinen wir ebenfalls nicht zu sein. Reflektiert heute nicht sogar schon die Fernsehwerbung, dass wir über die Dauer unseres Schicksals verhandeln können? Der kleine Mensch wird plötzlich übermütig. Nach vorne zu schauen ist verboten, dann jedoch funktioniert unsere Welt wunderbar und reibungslos.
Das Leben hat sich stark verändert, im Grunde genommen leben wir in einem andauernden Jetzt. Wir leben nicht mehr in der Zeit. Wir essen nicht mehr die der Jahreszeit entsprechenden Produkte und bezahlen für den Euro, den wir uns heute borgen, keinen Aufschlag mehr gegenüber dem Euro, der uns erst morgen zufließen würde. Warum also nicht wirklich alles sofort haben? Nur los! Dann brummt die Wirtschaft und die Aktionäre freuen sich.
Bereits am 8. Juli 1916 schrieb der damals noch unbekannte Philosoph Ludwig Wittgenstein an vorderster Front in den Schützengräben des I. Weltkrieges in sein Tagebuch: „Nur wer nicht in der Zeit, sondern in der Gegenwart lebt, ist glücklich. Um glücklich zu sein, muss ich in Übereinstimmung sein mit der Welt ... Die Furcht vor dem Tode ist das beste Zeichen eines falschen, das heißt schlechten Lebens.“ Vielleicht haben Wirtschaft und Philosophie doch mehr miteinander zu tun als wir alle ahnen... .
Liebe Leser, da ich Ihnen aufgrund eines vorweihnachtlichen Kurzurlaubs, der Weihnachten in eine beinahe unendliche Ferne rückte, vergessen habe, rechtzeitig ein Frohes Fest zu wünschen, möchte ich wenigstens jetzt nicht versäumen, Ihnen an dieser Stelle eine gutes und erfolgreiches Neues Jahr zu wünschen. Und bleiben Sie meiner kleinen Kolumne gewogen.
Anregungen oder Kritik bitte an Bernd Niquet.
+++++++ DIE BUCH-NEUERSCHEINUNG 2009 +++++++
Bernd Niquet, TAUPUNKTE, Erzählung, Engelsdorfer Verlag, Leipzig 2009, 133 Seiten, 9,95 Euro. ISBN 3-86901-434-2.
Das neue Buch von Bernd Niquet bezieht sich nicht direkt auf die Börse und die Finanzen, sondern packt den Menschen in seiner Gesamtheit. Wie wäre es, fragt er, wenn man plötzlich ganz neu in unsere Welt hinein träte, ohne jede Historie in ihr zu besitzen? Wie würde man die Welt dann wahrnehmen? Und mit wem hätte man Umgang?
Auf jeden Fall stünde man wohl ziemlich alleine da, schwämme gegen den Strom und bewegte sich gegen den Strich – ganz so also, wie es auch dem erfolgreichen antizyklisch orientierten Anleger geht.
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