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Der kleine große Mensch

Samstag, 12. Dezember 2009 um 09:24

Von Bernd Niquet

Jetzt ist es amtlich. Die US-Umweltbehörde hat in der abgelaufenen Woche festgelegt, dass Kohlendioxid gesundheitsgefährdend ist. Ohne Kohlendioxid in der Luft gäbe es zwar weder Pflanzen noch Tiere noch Menschen, doch Kohlendioxid ist jetzt eben gesundheitsgefährdend. Man sollte also aufpassen mit der Brause und mit der Cola, auch von Prosecco muss jetzt eigentlich dringend abgeraten werden. Ist das alles noch zu verstehen?

Vor 30 Jahren war sich die Forschung einig, dass eine neue Eiszeit bevorsteht, heute hingegen wird mit noch größerer Penetranz das Gegenteil behauptet. Der kleine Mensch richtet seine Theorien stets nach dem aus, was er beobachtet, anstatt es umgekehrt zu tun. Die größten Produzenten von Kohlendioxid sind die Weltmeere, aus denen das von der Sonne aufgeheizte Wasser in Dampfform aufsteigt. Meere sind ab jetzt giftig. Ist das alles noch zu verstehen?

Dann jedoch schwingt sich der kleine Mensch plötzlich auf zum kleinen großen Menschen und erklärt sich selbst für zuständig. Einerseits ist es natürlich erniedrigend, andererseits aber auch eine Selbsterhöhung: Denn schaut doch einmal, was wir doch tatsächlich bewirken können. Ist das alles noch zu verstehen?

In den großen Dingen sind wir die Könige, da durchschauen wir alles. Im Kleinen hingegen versteht kaum jemand noch etwas. Den Kinder wird beispielsweise geraten, CDs künftig besser zu kopieren als sie zu kaufen, weil das weniger Kohlendioxid produziert. Ihr rülpset und furzet ja nicht, hat es euch nicht geschmecket?

Der Grund für die Mehrbelastung der mittleren Einkommensbezieher bei der anstehenden Steueränderung beruht hingegen auf der Abschaffung der sogenannten Günstigerprüfung bei der Lohnsteuerberechnung. Danach wurde bislang automatisch für jeden Beschäftigten die für ihn günstigste mögliche Steuervariante gewählt, was jedoch in der Regel über den Einkommensteuerjahresausgleich wieder ausgeglichen wird. Ist das alles noch zu verstehen?

Ein weiterer großer Schritt nach vorne ist auch das Urteil des Europäischen Gerichtshofes aus dieser Woche, das die Rechte lediger Väter stärkt. Da wird jetzt überall trefflich über den Fortschritt dieser rechtlichen Regelung diskutiert, doch nirgendwo auch nur ansatzweise genannt, dass dann, wenn die Eltern aus derartigen Gründen vor Gericht ziehen, dass Kind sowieso bereits innerlich ein Krüppel ist. Das Kind besitzt jetzt einen Riss mitten durch sich selbst hindurch, rechtliche Regelung hin oder rechtliche Regelung her.

Aber das ist ja nicht wichtig. Wichtig sind die juristischen Grundsätze. Ist das alles noch zu verstehen? Ja, leider ist das alles zu verstehen. Das ist ja das Schlimme.

Anregungen oder Kritik bitte an Bernd Niquet.


+++++++ DIE BUCH-NEUERSCHEINUNG 2009 +++++++

Bernd Niquet, TAUPUNKTE, Erzählung, Engelsdorfer Verlag, Leipzig 2009, 133 Seiten, 9,95 Euro. ISBN 3-86901-434-2.

Das neue Buch von Bernd Niquet bezieht sich nicht direkt auf die Börse und die Finanzen, sondern packt den Menschen in seiner Gesamtheit. Wie wäre es, fragt er, wenn man plötzlich ganz neu in unsere Welt hinein träte, ohne jede Historie in ihr zu besitzen? Wie würde man die Welt dann wahrnehmen? Und mit wem hätte man Umgang?

Auf jeden Fall stünde man wohl ziemlich alleine da, schwämme gegen den Strom und bewegte sich gegen den Strich – ganz so also, wie es auch dem erfolgreichen antizyklisch orientierten Anleger geht.

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