Von Bernd Niquet
Gerade lese ich vom hundertsten Geburtstag Marion Gräfin Dönhoffs, der ehemaligen Herausgeberin der Wochenzeitung „Die Zeit“, die auch durch ihre ostpreußischen Wurzeln eine wichtige zeitgeschichtliche Person der Bundesrepublik darstellt. Der hundertste Geburtstag?, frage ich mich. Lebt sie eigentlich noch oder wann ist sie gestorben? Verflucht, eine Bildungslücke, denke ich.
Und plötzlich merke ich, wie ich selbst auch diesen Bildungsdogma unterworfen bin, das sämtliche Bildung am Reproduzieren von Fakten festmacht und sich nur peripher für die Fähigkeit zum Herstellen von Beziehungen, Einordnungen und Beurteilungen interessiert. Doch ist es eigentlich wichtig, solche Art von Bildung zu besitzen? Hilft mir das, die Welt besser zu verstehen? Keinesfalls, denn nur ein paar Buchstaben ins Internet eingegeben und ich bekomme die Antwort über jeden Fakt dieser Welt.
Was ich dagegen nirgendwo recherchieren kann, ist, welche Beziehungen sich zu anderen Fakten ergeben, wie das einzuordnen ist und wie ich den Gesamtzusammenhang zu beurteilen habe. Wir werden also in unserer Bildungskonzeption völlig umdenken müssen. Was wir heute als Bildung bezeichnen, ist eine antiquierte Vorstellung von gestern. Wirklich wichtig ist nicht das klassische Reproduzieren, sondern das Verknüpfen und die daraus erwachsene Bewertungskompetenz.
Schaue ich weiter durch die Zeitungen der vergangenen Tage, erschlägt mich fast die Wichtigkeit mit der erörtert wird, ob ein Luftschlag auf Terroristen in Afghanistan gerechtfertigt war oder ob man nicht erst hätte warten müssen, bis eigene Soldaten ums Leben kommen, um dann zuzuschlagen.
Wichtig ist anscheinend der Prozess des Auseinandersetzens, in der jeder, der zu Hause im Sicheren sitzt, etwas Kluges zu sagen hat. Die Soldaten, die dort unten die Stellung halten und erst dann losschießen dürfen, wenn sie selbst angegriffen worden sind, kommen in diesem Spiel ebenso wenig vor wie ihre gefallenen Kollegen. Sie erscheinen nicht auf den Titelseiten, für sie gibt es auch kein Staatsbegräbnis wie für selbstmörderische Fußballer, sondern sie werden abseits der Aufmerksamkeit in Hinterhöfen verscharrt.
Äußerst wichtig ist natürlich auch noch die Aufregung darüber, dass ein betrunkener englischer Sänger im deutschen Radio bei einem Konzert die erste Strophe des Deutschlandliedes anstimmt. Diese Strophe kennt ja niemand, da sie niemand auswendig lernen musste, deswegen darf darüber nicht einmal getuschelt werden.
Der wichtigste aller Sätze der Gegenwart lautet jedoch: „Inflation ist immer und überall ein monetäres Phänomen.“ Denn er erklärt uns, warum wir derzeit eine Inflation erleben. Letztlich bleibt bei allem dann im Grunde genommen nur noch eine wichtige Frage, und die lautet: Kann man eigentlich ein Weltklima, das es gar nicht gibt, überhaupt beeinflussen?
Anregungen oder Kritik bitte an Bernd Niquet.
+++++++ DIE BUCH-NEUERSCHEINUNG 2009 +++++++
Bernd Niquet, TAUPUNKTE, Erzählung, Engelsdorfer Verlag, Leipzig 2009, 133 Seiten, 9,95 Euro. ISBN 3-86901-434-2.
Das neue Buch von Bernd Niquet bezieht sich nicht direkt auf die Börse und die Finanzen, sondern packt den Menschen in seiner Gesamtheit. Wie wäre es, fragt er, wenn man plötzlich ganz neu in unsere Welt hinein träte, ohne jede Historie in ihr zu besitzen? Wie würde man die Welt dann wahrnehmen? Und mit wem hätte man Umgang?
Auf jeden Fall stünde man wohl ziemlich alleine da, schwämme gegen den Strom und bewegte sich gegen den Strich – ganz so also, wie es auch dem erfolgreichen antizyklisch orientierten Anleger geht.
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