Von Bernd Niquet
Es vergeht kein einziger Tag, in dem in diesem Lande nicht irgendein Politiker oder Hauptgeschäftsführer eines Interessenverbandes, ein Kulturfunktionär oder Schulvertreter höhere Bildungsausgaben verlangt. Wir brauchen Bildung, kreischen sie an allen Ecken wie die Verdurstenden in der Wüste oder die Alkoholiker ohne Stoff. Die Bildung ist unsere einzige Rettung.
Wie die konkrete Bildung aussieht, konnte ich in der vergangenen Woche in der 4. Klasse einer Grundschule lernen. Im Sachkundeunterricht geht es um das interessante Thema der Kläranlagen und die Kinder haben die folgenden Stufen eines Klärwerkes auswendig zu lernen: Grobrechen, Sandfang, Vorklärbecken, Belebtschlammbecken, Nachklärbecken und Faulturm. Wohl dem, der sich darunter etwas vorstellen kann. Aber darum geht es wohl bei der Bildung nicht.
Dann geht es imaginär in den Wald. Endlich ein Thema, von dem jeder bereits eine Vorstellung hat. Die Kinder lernen die Stockwerke des Waldes kennen. Diese sind: die Kronenschicht, die Strauchschicht, die Krautschicht, die Bodenschicht und die Moosschicht.
Komm Baby, wir gehen in den Wald, die Krautschicht anschauen.
Anschließend wird die angekündigte Musikarbeit geschrieben. Die acht- bis neunjährigen Kinder, die gerade anfangen, sich selbst für Musik zu interessieren, müssen einen Lückentest über den Komponisten Joseph Haydn füllen: „Joseph Haydn wurde im Jahr .... geboren in .... Im Alter von .... Jahren musste er sein Zuhause verlassen. Seine erste wichtige Stelle erhielt er als Musikdirektor des Grafen .... auf Schluss Lukawetz bei .... „
Und so geht es weiter über zwei Seiten, während auf dem iPod das neue Lied von Cassandra Steen ungehört bleibt.
Ich denke, man sollte diese ganze Bagage einsperren. Jede ausgefallene Unterrichtsstunde ist ein Schritt zu einer besseren Bildung. Wir müssen die Kinder auf die Straße schicken, an die Computer setzen und ihnen behilflich sein, das Leben zu deuten. Das Internet-Zeitalter benötigt kein Auswendiglernen mehr, im Gegenteil, nichts ist behindernder.
Die Bildung macht Kinder zu Krüppeln. So erzeugen wir künstlich Behinderte. Doch wie sollen die Menschen mit dem zerbrochenen Rückgrat das begreifen?
Anregungen oder Kritik bitte an Bernd Niquet.
+++++++ DIE BUCH-NEUERSCHEINUNG 2009 +++++++
Bernd Niquet, TAUPUNKTE, Erzählung, Engelsdorfer Verlag, Leipzig 2009, 133 Seiten, 9,95 Euro. ISBN 3-86901-434-2.
Das neue Buch von Bernd Niquet bezieht sich nicht direkt auf die Börse und die Finanzen, sondern packt den Menschen in seiner Gesamtheit. Wie wäre es, fragt er, wenn man plötzlich ganz neu in unsere Welt hinein träte, ohne jede Historie in ihr zu besitzen? Wie würde man die Welt dann wahrnehmen? Und mit wem hätte man Umgang?
Auf jeden Fall stünde man wohl ziemlich alleine da, schwämme gegen den Strom und bewegte sich gegen den Strich – ganz so also, wie es auch dem erfolgreichen antizyklisch orientierten Anleger geht.
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