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Aktienmärkte losgelöst von der Realität?

Donnerstag, 23. Mai 2013 um 11:22

Von Thomas Grüner
Die weltweiten Aktienmärkte haben im Laufe der vergangenen Wochen und Monate bemerkenswerte Zwischen- oder Allzeithochs erreicht. Der besorgte Anleger ist geneigt, angesichts des lediglich moderaten weltweiten Wirtschaftswachstums die „überproportional“ gute Entwicklung der Aktienmärkte mit wachsender Skepsis zu beobachten. Sind die Aktienmärkte tatsächlich losgelöst von der grundlegenden Entwicklung der Wirtschaft? Ist das vielerorts verwendete Wort „Übertreibung“ gerechtfertigt? Die deutliche Antwort lautet: Nein! Der gegenwärtige Bullenmarkt ist noch fern von jeglicher Euphorie und Übertreibung.

Unternehmensgewinne versus Kursgewinne

In der frühen Phase eines Bullenmarkts steigen Aktienkurse und Unternehmensgewinne für gewöhnlich im selben Maße an. Erst in der reiferen Phase eines Bullenmarkts – wenn die Euphorie eintritt – tendieren die Aktienkurse dazu, überproportional zu den Unternehmensgewinnen zu steigen. Betrachtet man den US-Markt – das Zugpferd des gegenwärtigen Bullenmarktes – belegen allerdings aktuelle Daten, dass im historischen Vergleich die Kursentwicklung des S&P 500 der Entwicklung der Unternehmensgewinne sogar hinterherhinkt. Ein überproportionaler Anstieg der Aktienmärkte – der sich in den Jahren 1998 bis 2000 sowie in den Jahren 2006 und 2007 ausgebildet hat – ist also keinesfalls zu beobachten!

Um überhaupt erst das durchschnittliche Kurs-Gewinn-Verhältnis von 15 beim Dax beispielsweise zu erreichen, sind zwei Szenarien möglich: Entweder steigen Aktien erheblich an oder die Gewinne der Unternehmen gehen deutlich zurück. Letzteres scheint in der momentanen Phase das unwahrscheinlichere Szenario zu sein. Insbesondere global aufgestellte Marktschwergewichte sind auch weiterhin fähig, nachhaltige Gewinne zu erwirtschaften.

BIP versus Aktienmarkt

Auch die BIPs befinden sich in der Nähe ihrer Allzeithochs und sind insbesondere in den USA, aber auch im weltweiten Durchschnitt betrachtet, steigend. Der Zusammenhang zwischen BIP und Aktienmärkten sollte allerdings nicht überbewertet werden. Die Entwicklung der Aktienmärkte ist nicht unmittelbar an das Wirtschaftswachstum gekoppelt. Aktienkurse messen keine Wirtschaftsleistung, sondern bieten Anlegern die Chance, an künftigen Unternehmensgewinnen zu partizipieren. Diese Gewinne sind bislang immer viel schneller gewachsen als die Wirtschaftsleistung und werden es auch in der Zukunft tun. Innovationen und eine stetige Steigerung der Effizienz generieren ständig neues Gewinn- und Kurspotential. Mit der Höhe der Staatsausgaben oder dem Verhältnis zwischen Importen und Exporten hat das überhaupt nichts zu tun.

Dies relativiert in vielerlei Hinsicht die Bedeutung der konjunkturellen Schwäche in Europa. Zum einen erzielen seit jeher große deutsche und europäische Firmen erhebliche Umsätze außerhalb Europas. Eine schwache Eurozone ist daher nicht ideal, aber sie hat die Aktienkurse bislang nicht belastet und im Zuge dieser Börsenhausse wird sich das nicht mehr ändern. Zum anderen zieht die große Welt das kleine Europa mit, nicht umgekehrt!

Fazit: Die positive Entwicklung der Aktienmärkte in den vergangenen Wochen und Monaten ist keinesfalls Zeichen einer Euphorie oder Übertreibung. Ganz im Gegenteil: Im historischen Vergleich offenbaren Aktien sogar noch erhebliches Aufwärtspotential. Die „Höhenangst“ sorgt allerdings weiterhin dafür, dass der Blick auf die wesentlichen Fakten verstellt wird.


Fragen zum Beitrag beantworte ich gerne per E-Mail an feedback@gruener-fisher.de.

Thomas Grüner
ist Firmengründer und Geschäftsführer der Vermögensverwaltung Grüner Fisher Investments GmbH. Weitere Informationen unter www.gruener-fisher.de.

Der obige Text spiegelt die Meinung der jeweiligen Autoren wider. Instock übernimmt für dessen Richtigkeit keine Verantwortung und schließt jegliche rechtliche oder sonstige Ansprüche aus.

 

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