Von Armin Brack
Jetzt wird es richtig spannend beim Social Networking Gaming-Anbieter Zynga. Die Aktie durchbrach vor wenigen Tagen bei einem exorbitant hohem Handelsvolumen von 59 Millionen Aktien das bisherige Hoch, das am Tag des Börsengangs bei 11,50 US-Dollar gelegen hatte.
Alleine das schiere Momentum kann die Aktie weiter beflügeln. Denn: Von den insgesamt 700 Millionen Zynga-Papieren sind lediglich 100 Millionen an der Börse handelbar. Mit anderen Worten: Ein geringes Angebot an Aktien trifft auf eine explodierende Nachfrage. Natürlich funktioniert das Momentum auch umgekehrt: Als Zynga am ersten Tag unter den Ausgabepreis fiel, wollte das Papier auf einmal keiner mehr haben. Bis auf 7,97 US-Dollar sackte der als Highflyer angekündigte Wert ab.
Doch die Chancen stehen aus meiner Sicht sehr gut, dass das positive Momentum noch ein Weilchen anhält. Der Markt ist euphorisiert, nachdem Facebook sich nun tatsächlich für den Börsengang registriert hat. Zudem passt das Marktumfeld für Technologiewerte. Nicht zuletzt die sensationell guten Zahlen von Apple beflügeln die Nasdaq.
Es herrscht eine Art Aufbruchsstimmung. Die Anleger sind nach den Nuller-Jahren, einer verlorenen Dekade für den Durchschnittsbörsianer, wieder heiß auf Gewinne.
Facebook-Profiteur
Doch auch nüchtern betrachtet wird klar, dass Zynga bisher an der Börse zu Unrecht schlecht weggekommen ist. Allein 12 Prozent der Facebook-Umsätze im vergangenen Jahr gehen auf das Konto von Zynga. Die Börsenbewertung bei Facebook soll aber Richtung 100 Milliarden US-Dollar gehen. Also sollte Zynga doch auch 12 Milliarden US-Dollar wert sein. Das ist natürlich Milchmädchen-Rechnung, denn die faire Bewertung hängt natürlich auch vom zukünftigen Wachstumspotential ab - und das wird nicht identisch sein.
Fakt ist: Die aktuelle Marktkapitalisierung von 8,66 Milliarden US-Dollar liegt immer noch relativ weit unter den Höchstkursen, die für Zynga Anfang vergangenen Jahres auf dem Second Market bezahlt wurden. So hat Zynga-Chef Mark Pincus noch im vergangenen Frühjahr 14 US-Dollar je Aktie beim Verkauf eines Aktienpakets im Wert von 109 Millionen US-Dollar erhalten.
Das Unternehmen ist Marktführer im Megatrend Social Gaming. 227 Millionen aktive Nutzer verwenden Zynga, davon 54 Millionen täglich, 7,7 Millionen davon sind bereit, Geld dafür zu bezahlen.
Das geschieht über den Kauf so genannter virtueller Güter wie Pflanzensamen oder Traktoren, die dem Nutzer in der virtuellen Spielewelt Vorteile bringen. Dazu muss man wissen: Die populärsten Spiele von Zynga simulieren virtuelle Welten. Farmville zum Beispiel virtuelle Äcker und Bauernhöfe und Cityville eine Stadt.
Doch inzwischen dominiert Zynga auch die so genannten Casual Games, die im Gegensatz zu den Heavy Usern eher Gelegenheitsspieler ansprechen. Eines haben aber alle Zynga-Spiele gemeinsam: Sie machen süchtig. Wer einmal dabei ist, bleibt auch länger dabei und muss regelmäßig spielen, um den Anschluss nicht zu verlieren.
Geld verdienen mit Schnickschnack
Sie glauben mit diesem Schnickschnack lasse sich kein Geld verdienen? Von wegen: Im Gegensatz zu anderen Internet Networking-Firmen wie Groupon oder Linkedin ist Zynga bereits seit mehreren Jahren profitabel.
Die Umsätze explodierten von 19,4 Millionen im Jahr 2008 über 121 Millionen (2009) auf 597 Millionen US-Dollar im Jahr 2010. Von Januar bis September 2011 war eine erneute Steigerung um 106 Prozent auf 829 Millionen US-Dollar zu verzeichnen.
Netto verdiente das Unternehmen dabei 2010 90,6 Millionen US-Dollar. 2011 ging der Gewinn zwar relativ deutlich auf 30,7 Millionen US-Dollar zurück, was aber an massiven Investitionen in die Plattform und neue Spiele mitsamt Entwicklern zurückzuführen ist und nicht auf eine Verlangsamung des Wachstums.
Günstig ist die Aktie nach herkömmlichen Maßstäben deshalb natürlich noch lange nicht. 2012 soll der Umsatz bei 1,4 Milliarden US-Dollar liegen und der Gewinn je Aktie bei 0,22 US-Dollar (entspricht etwa 154 Millionen US-Dollar). Bei einem Kurs von 12,39 US-Dollar entspricht dies einem 2012er-KGV von 56 und einem KUV von rund 6. Im Vergleich zu Facebook, das mit dem 30-fachen des Umsatzes und einem KGV im dreistelligen Bereich einsteigen dürfte, ist das aber regelrecht günstig.
Kurstreiber für die Aktie
Es gibt einige Katalysatoren, die den Kurs der Aktie noch weiter nach oben katapultieren könnten:
Social Gaming ist zu einem Online-Phänomen geworden, das so keiner auf der Rechnung hatte. Zynga hat dabei eine überragende Marktposition. Der von Pincus mit harter Hand geführte Branchen-Pionier hat mehr aktive Nutzer auf Facebook als die nachfolgenden 15 Unternehmen zusammen. Das ist eine glänzende Ausgangslage, um überproportional vom künftigen Sektorwachstum zu profitieren.
Die rasant verlaufende Marktdurchdringung bei Smartphones und die höheren Geschwindigkeiten bei der Datenübertragung sorgen dafür, dass die Spieler quasi jederzeit spielen können, auch unterwegs. Das treibt die Zahl der Nutzer und die Zeit, die selbige auf der Plattform verbringen, extrem nach oben.
Kein Wunder also, dass auch die Werbeindustrie Blut geleckt hat. Über Product Placement in den Spielen kann so ein starkes zweites Standbein aufgebaut werden. Jüngst wurden bereits entsprechende Deals mit 7-Eleven, Coca-Cola und dem Landwirtschaftsversicherer Farmers Insurance abgeschlossen. Bisher machen Werbeeinahmen erst 5 Prozent der Gesamtumsätze aus. Das Potential ist aber enorm.
Hinzu kommt: Ein Großteil der Einnahmen aus dem Börsengang fließt direkt in die Kassen des Unternehmens. Damit hat Zynga auch die Möglichkeit, den einen oder anderen Konkurrenten, der gefährlich werden könnte, aufzukaufen. Die Übernahme von Words With Friends erwies sich dabei bereits als ein Volltreffer.
Eine äußerst lukrative Expansionsmöglichkeit ist der Online-Glücksspielmarkt. Wenn man aus Imagegründen dort nicht direkt einsteigen möchte, könnte man auch als Vermittler über Werbe-Leads eine Menge Geld verdienen. Bedenken Sie: Zynga hat 227 Millionen aktive Nutzer. Eine gigantische Zahl!
Facebook: Fluch und Segen
Gleichzeitig Chance und Risiko ist die enge Verbindung zu Facebook. Zynga profitiert einerseits vom enormen Wachstum Facebooks, ist andererseits aber auch stark abhängig von der Zuckerberg-Firma. So führte der Social Networking-King 2010 die so genannten Facebook Credits ein, ein eigenes Zahlungsmittel quasi. Sowohl die Nutzer als auch die Facebook-Kunden, also die Spielefirmen, mussten mit Facebook Credits bezahlen.
Auf einmal stieg der Anteil an den Einnahmen mit virtuellen Gütern, den Zynga an Facebook zahlen musste, von 2 bis 10 auf 30 Prozent. Daraufhin drohte Pincus zwar die Geschäftsbeziehungen mit Facebook abzubrechen. Letztendlich konnte man sich aber doch einigen. Trotzdem: Dieser Vorfall zeigt die Risiken deutlich auf, die eine Abhängigkeit von Facebook mit sich bringt.
Fraglich ist auch, ob es Zynga gelingt, die Zahl der zahlenden Nutzer von rund 2,5 auf 5 Prozent zu verdoppeln. Das nämlich hält Pincus für möglich. Gelingt dies, sieht die Zukunft rosig aus. Gelingt es nicht, werden alternative Umsatzquellen umso wichtiger.
Schließlich gibt es bei Spieleentwicklern ja immer auch ein nicht zu unterschätzendes Flop-Risiko bei neuen Spielen. Bisher beweisen die Klassiker Farmville und Cityville zwar gutes Stehvermögen, früher oder später müssen aber neue Bestseller her. Am besten früher, denn Spielgigant Electronic Arts drängt ebenfalls mit Macht in den neuen lukrativen Markt und hat mit Sims Social bereits einen Hit gelandet.
Fazit: Zynga startet mit kleiner Verspätung richtig durch. Die relativ geringe Zahl an ausstehenden Aktien (100 Millionen) bei gleichzeitig enorm hohem Handelsvolumen könnte Zynga zu einer Momentum-Aktie werden lassen. Kurzfristige Kursspitzen bis hinauf auf 20 US-Dollar sind in Reichweite.
Smartphones, das zweite Standbein Product Placement und eine mögliche Expansion in den Glücksspielmarkt bieten gewaltige Chancen. Risiken sind die Abhängigkeit von Facebook, mögliche Flops bei neuen Spielen und Electronic Arts, die mit Macht in den Social Gaming-Sektor vorstoßen.
Armin Brack ist Chefredakteur des Geldanlage-Report.
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