Von Armin Brack
In der vergangenen Woche bebten die Märkte, als bekannt wurde, dass gegen den US-Investmentbank-Riesen Goldman Sachs ein Ermittlungsverfahren wegen Betrugs eingeleitet worden ist. Das Geschehen, über das jetzt vor Gericht entschieden werden soll und über das in der Öffentlichkeit heiß diskutiert wird, ist alles andere als neu: Der renommierte US-Finanzjournalist Gregory Zuckerman behandelte das Thema bereits in seinem im November 2009 erschienenen Buch "The Greatest Trade Ever" detailliert.
Darin wird die Wette des US-Hedge-Fonds-Managers John Paulson gegen verbriefte US-Hypotheken im Detail beschrieben. Paulson und sein engster Vertrauter Paolo Pellegrini waren sich sicher, dass die US-Hypothekenblase platzen würde und witterten den Trade ihres Lebens. Sie hatten dabei allerdings ein Problem: Sie fanden am freien Markt nicht genügend so genannte Collateralised Debt Obligations (CDOs) auf deren Wertverlust sie indirekt - nämlich durch den Kauf von Credit Default Swaps - spekulieren wollten.
Das Rezept, um noch mehr Geld verdienen zu können: Investmentbanken sollten eigens für Paulsons Hedge Fonds neue CDOs kreieren, die dieser dann shorten konnte. Unnötig zu erwähnen, dass die Hypothekenkredite, die als Sicherheit für die CDOs dienten, dabei so "faul" wie möglich sein sollten, weil sich dadurch deren Ausfallwahrscheinlichkeit erhöhte.
Paulson und Pellegrini spielten dabei mit offenem Visier, gingen direkt auf die Investmentbanken zu und erklärten ihnen ihre Absichten. Für letztere stellte sich dabei die Frage, ob es moralisch vertretbar ist, CDOs mit von vorneherein erhöhter Ausfallwahrscheinlichkeit an Investoren zu verkaufen.
Bear Stearns lehnte ab, Goldman Sachs nicht
Glaubt man den Ausführungen in Zuckermans Buch, hatten hier einige Investmentbanken tatsächlich Skrupel. Ein Bear Stearns Senior Trader wird zitiert, dass man in seiner Firma die Idee verworfen habe. Er zieht den Vergleich zu einem Sportwetter, der den Trainer einer Football-Mannschaft, gegen die er wettet, dazu zwingt, den wichtigsten Spieler nicht einzusetzen, um die Chance auf eine Niederlage zu erhöhen.
Seiner Ansicht nach hätte die Gegenpartei dann ein Recht, über diese Geschehnisse informiert zu werden. Das wäre beziehungsweise ist aber bei dem Deal nicht der Fall gewesen.
Goldman Sachs und übrigens auch die Deutsche Bank waren aber die beiden Banken, die offenbar keine Bedenken hatten und derartige Deals mit Paulson eingingen. Am Ende hatte die Wette des Hedgefonds gegen eine Handvoll CDOs den Umfang von 5 Milliarden US-Dollar.
Wichtig bei der Beurteilung der Geschehnisse ist aber, dass es sich bei den Käufern der CDOs, also denen, die letztlich die Zeche zahlten, nicht um ahnungslose und schutzbedürftige Kleinanleger handelte, sondern um überwiegend ausländische Finanzhäuser, die genau wussten, was sie taten.
Besser gesagt, die eigentlich hätten wissen sollen, was sie tun, es aber offensichtlich nicht wussten, was letztlich den deutschen Steuerzahler Milliarden kostete und immer noch kostet. Es ist jedenfalls kein unglücklicher Zufall, dass im Falle der Abacus-CDOs, um die es in der Anklageschrift gegen Goldman Sachs geht, mit der IKB ausgerechnet eine deutsche Bank "die Dumme" war. Wobei man "Dumme" in dem Fall durchaus wörtlich nehmen kann.
Denn es waren vor allem deutsche Banken, die über ihre eigens gegründeten Zweckgesellschaften in Irland und anderswo noch fleißig CDOs und andere toxische Hypothekenprodukte einkauften, während an der Wall Street schon die Alarmglocken schrillten und beispielsweise Goldman Sachs versuchte, die Papiere wieder los zu werden.
Symptomatisch ist dabei ein Treffen im Konferenzraum der US-Notenbank im Dezember 2007, an dem Finanzwissenschaftler und Notenbanker teilnahmen. In einem Vortrag wurde dabei erörtert, dass zwei Drittel der Refinanzierungsprogramme im Verbriefungsmarkt zwar in US-Dollar aufgelegt sind, aber 80 Prozent der Werte von europäischen Banken betrieben werden.
Bei der FED fragte man sich daraufhin verwundert: "Who are these guys?" Der Finanzjournalist Leo Müller gibt in seinem Buch "Bankräuber" dann die Antwort: "Es sind Commerzbank, Dresdner, Deutsche, HSH Nordbank und neun deutsche Landesbanken."
Ablenken vom eigenen Versagen
Wenn jetzt nach der Anklage gegen Goldman Sachs diejenigen deutschen Banken, die damals die Lage komplett falsch eingeschätzt haben, als erste den Stab über Goldman brechen, dann soll damit wohl vor allem vom eigenen Versagen abgelenkt werden.
Auch Politiker nutzen die Situation aus, um im Vorfeld der NRW-Wahlen fleißig Wahlkampf zu machen: Der Unions-Fraktionsvize Michael Meister ereifert sich beispielsweise im Handelsblatt: "Der Bund war der größte Minderheitsaktionär bei der IKB. Wenn man jetzt Verantwortliche dingfest machen könnte, an die sich die Schadensersatzansprüche des Bundes oder der KfW richten, sollten wir das dringend ausnutzen."
Was Meister dabei offenbar vergisst, ist, dass die Politik jahrelang dabei zugeschaut hat beziehungsweise deutsche Banken sogar tatkräftig dabei unterstützt hat, wie in ausländischen Zweckgesellschaften fahrlässig immer größere Risiken angehäuft und versteckt worden sind. Dabei hätte gerade die staatliche KfW als Großaktionär bei der IKB längst einschreiten und dem Treiben ein Ende setzen können.
Es war frühzeitig erkennbar, dass der Umfang der Verbriefungsvehikel deutscher Banken in ausländischen Zweckgesellschaften in keinem Verhältnis zu deren Eigenkapitalausstattung stand. Jetzt versucht man nachträglich, andere zum Sündenbock zu machen.
Um es nochmals in Erinnerung zu rufen: Speziell die IKB hat die Öffentlichkeit bis zuletzt an der Nase herumgeführt und noch am 20. Juli 2007 "sehr gute" Ergebnisse gemeldet. Gerade einmal eine Woche später kam dann die Horrormeldung, dass die staatliche KfW die IKB mit 8,1 Milliarden Euro stützen muss.
Stupid German Money
Fakt ist, dass vor allem deutsche Banken überproportional viel Geld im Rahmen der US-Hypothekenkrise versenkt haben. Erstens, weil sie viel zu spät auf den fahrenden Zug aufgesprungen sind und zweitens, weil sie dann auch noch umso massiver in die Schrottpapiere investiert haben.
Der Spruch vom "Stupid German Money", den beispielsweise ausländische Stock Promoter hinter vorgehaltener Hand verwenden, wenn sie deutschen Privatanlegern wertlose Aktien andrehen, wurde damit quasi in der Hochfinanz bestätigt.
Es geht nicht um einseitige Schuldzuweisungen. So wiegten beispielsweise auch Ratingagenturen Investoren viel zu lange mit nicht angebrachten Triple-A-Ratings für kaum werthaltige Verbriefungspapiere in falscher Sicherheit und tragen damit ebenfalls einen Teil der Verantwortung. Aber wenn BayernLB-Chef Gerd Häusle als erster öffentlicher Auftraggeber in Deutschland die Geschäftsbeziehungen mit Goldman Sachs noch während eines laufenden Verfahrens aufkündigt, dann ist das schon starker Tobak: Offenbar hat Häusle vergessen, dass gerade Goldman Sachs sich an einem Rettungsschirm für die BayernLB, die bekanntlich vom Freistaat Bayern mit rund 10 Milliarden Euro (!) gestützt werden musste, beteiligt hat. Zudem beriet Goldman die Landesbanker beim Umgang mit ihren toxischen Wertpapieren. Vielleicht weil die Herren und Damen bei der BayernLB selbst damit überfordert waren?
Juristen gehen jedenfalls davon aus, dass die Anklage gegen Goldman Sachs wenig Erfolg haben wird, weil die US-Investmentbank letztlich nur als Vermittler zwischen zwei Spekulanten mit unterschiedlicher Markteinschätzung aufgetreten ist. Und schließlich ist genau das eine der Aufgaben einer Investmentbank.
Auch der Aktienmarkt reagiert auf den Fall nach anfänglicher Panik inzwischen recht gelassen. Im 5-Jahres-Chart der Goldman Sachs-Aktie ist die Kursreaktion jedenfalls kaum erkennbar.
Fazit: Wenn Goldman Sachs gegen Gesetze verstoßen hat, gehört die Investmentbank verurteilt. Ob tatsächlich die Richtigen auf der Anklagebank sitzen, ist jedoch mehr als fraglich.
Armin Brack ist Chefredakteur des Geldanlage-Report.
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