Von Bernd Niquet
Die Zeiten werden immer erstaunlicher. Seit vergangener Woche wissen wir vom Chef von Goldman Sachs, Lloyd Blankfein, dass die Banken auf Erden einen höheren Zweck verfolgen. Sie sind Gottes Helfer. „Wir helfen den Unternehmen zu wachsen, indem wir ihnen helfen, Kapital zu bekommen“, so Blankfein. Banken haben daher einen gesellschaftlichen Zweck, so seine Schlussfolgerung, sie verrichten „Gottes Werk“.
Doch auch Deutschland ist ein bemerkenswertes Land. Nicht nur, dass es den gegenwärtigen Papst stellt, nein, seit der Vorwoche gibt es bei uns auch einen neuen Jesus. Denn auch er ist für uns gestorben, das Schlechte zu beseitigen, die ganzen Tabuisierungen aufzubrechen und die Welt wieder richtig menschlich zu machen.
Überall konnte man am Wochenende seine Aufbahrung sehen, keine Fernsehsendung, die sie nicht zum Thema hatte. Und ein ganz neue Wirtschaftsbranche ist entstanden, vom Betroffenheitsfernsehen bis zum Trauertourismus. Millionen innerlich leerer und verwaister Gestalten besitzen plötzlich wieder ein emotionales inneres Objekt, und der interessierte Fußballzuschauer muss auf einmal kein langweiliges Freundschaftsspiel mehr anschauen, sondern darf den Blick in das wirkliche Leben der Entscheidungen werfen. Wie die Welt sich doch verändern kann.
Jeder Gedanke daran, wie es wohl gewesen wäre, wenn es bereits zu Jesus Kreuzigung Live-Übertragungen in jedes Haus gegeben hätte, ist allerdings pure Blasphemie und soll folglich an dieser Stelle ausgespart werden. Aber ob die Kameras da auch schon die Augen der Betroffenen abgesucht hätten, um sich an deren Schmerz zu delektieren?
Wir wollen jetzt also Tabus brechen. Eine neue Zeit soll anbrechen. Was man jedoch beim großen Tabubrechen vergessen hat, ist, dass alle diejenigen, die anderer Meinung sind, sofort totgeschwiegen und selbst tabuisiert werden. Aber wenigstens die Kanzlerin gibt uns Hoffnung und ruft uns zu: „Wenn man krank ist oder etwas nicht kann, sollte man es ruhig sagen.“ Ist ab jetzt also doch alles gut?
Noch in derselben Fernsehsendung, in der der neue Heiland so ausführlich aufgebahrt gezeigt wurde, macht sich später in einem anderen Bericht ein Argentinier Luft. Er lässt heraus, was ihn bedrückt, sagt, er würde es sich nicht mehr gefallen lassen, was die Kritiker mit ihm machen, und sie könnten ihn alle einmal. Daraufhin stellt man ihn postwendend an die Wand und ruft zur Steinigung auf. So war das ja nun auch nicht gemeint. Da könnte ja jeder kommen.
Und wie beschämend es ist, dass kein Medienvertreter sich jetzt bei Oskar Lafontaine für die schäbige und unfaire Behandlung entschuldigt, die man ihm vorher hat zukommen lassen, zeigt ebenfalls die geringe Halbwertszeit der ganzen emotionalen Betroffenheit. Die Medien sind und bleiben Huren. Wir haben jetzt zwar einen neuen Jesus, doch wir werden von Huren regiert. Und unter den Menschen breitet sich ein Schwindel aus, der sich als weit gravierender herausstellen könnte als jeder denkbare Virus.
Anregungen oder Kritik bitte an Bernd Niquet.
+++++++ DIE BUCH-NEUERSCHEINUNG 2009 +++++++
Bernd Niquet, TAUPUNKTE, Erzählung, Engelsdorfer Verlag, Leipzig 2009, 133 Seiten, 9,95 Euro. ISBN 3-86901-434-2.
Das neue Buch von Bernd Niquet bezieht sich nicht direkt auf die Börse und die Finanzen, sondern packt den Menschen in seiner Gesamtheit. Wie wäre es, fragt er, wenn man plötzlich ganz neu in unsere Welt hinein träte, ohne jede Historie in ihr zu besitzen? Wie würde man die Welt dann wahrnehmen? Und mit wem hätte man Umgang?
Auf jeden Fall stünde man wohl ziemlich alleine da, schwämme gegen den Strom und bewegte sich gegen den Strich – ganz so also, wie es auch dem erfolgreichen antizyklisch orientierten Anleger geht.
Jetzt hier bestellen.









