Von Bernd Niquet
Die Frankfurter Buchmesse ist gerade zu Ende, der Literaturherbst steht in voller Blüte, doch mir geht es dabei wie in jedem Jahr. Ich kaufe mir das eine oder andere der von der Kritik besonders gelobten Bücher, fange an zu lesen, lese 20 Seiten, denke „na ja“, lese 30, 40 Seiten, da fangen die Augen das erste Mal an zuzuklappen – und komme ich dann an die Seite 50 oder 60, dann bin ich meistens so aus dem Text herausgefallen, gelangweilt oder angeödet, dass ich das Buch weglege. Geht Ihnen das auch so wie mir?
Das Buch wegzuschmeißen, traue ich mich dann aber nicht, weswegen ich es zu den anderen stelle, die ich ebenfalls nur angelesen habe. So hat sich mit der Zeit eine imposante Bücherwand ergeben, die jedoch vorspiegelt, was gar nicht der Fall ist. Und meine Vermutung ist es, dass es sich mit beinahe allen anderen Druckexemplaren der Kritikerlieblinge im Romanbereich nicht anders verhält.
Geht Ihnen das auch so? Meine These ist daher: Diese Bücher werden keinesfalls zum Lesen gekauft, sie sind bestenfalls ein Statussymbol. Der Literaturbetrieb ist ein in sich geschlossener Zirkel, in dem die einen so schreiben, wie es die anderen goutieren. Man ist sich einig, schließlich hat man das selbe Inzuchtstudium absolviert und daher den gleichen Blick auf die Welt. Mit dem Leben normaler Menschen hat das freilich nichts zu tun.
Doch warum ist das so? Erstens, weil es sicherlich schon immer so gewesen ist, nur dass der geschlossene Zirkel früher noch weit enger gezogen wurde als heute. Doch mittlerweile gibt es in der Bundesrepublik jährlich 80.000 Neuerscheinungen, der Gesamtumsatz auf dem Buchmarkt liegt bei knapp 4 Milliarden Euro pro Jahr, und es wird von etwa 55 Millionen Käufern gesprochen. Es hat sich ein riesiges Wachstum ergeben.
Und dennoch bleibe ich bei meiner These: Es kann nicht sein, dass auch nur ein Bruchteil dieser Bücher gelesen werden, schon gar nicht diejenigen, die im Fokus der Aufmerksamkeit stehen. Natürlich gibt es den In-Zirkel, doch das sind garantiert nicht mehr als es beispielsweise aktive Wasserskifahrer gibt in Deutschland. Diese Minderheit wird die Romane wirklich lesen. Doch um sie für sie möglich zu machen, muss ein großer Rummel inszeniert werden, der Geld hereinbringt in diesen Kreislauf.
Viel Freude haben die so hinzukommenden Leser aber sicherlich nicht. Denn täglich im Alltag darauf geeicht, schnell auf den Punkt zu kommen und Wichtiges von Unwichtigem zu trennen, fühlen sie sich sicherlich ebenso unwohl wie ich in einer Literatur, die einen mit Nebenschauplätzen und einer Personenvielzahl quält, für die man schon fast ein Namensregister anlegen muss. Und immer denkt man: Warum kann ein Schriftsteller nicht klar sagen, worum es ihm geht. Warum dieses unendliche Kreisen um den wichtigen Punkt, diese Umwege und diese ganz unerträglichen Wort- und Seitenmengen für letztlich so wenig Inhalt? Geht Ihnen das auch so?
Ich habe aber auch noch eine andere These zu bieten: Meine Generation ist ausschließlich mit englischsprachiger Musik aufgewachsen, bei der wir die Texte jedoch aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse gar nicht verstehen konnten. Alle unsere Gefühle, die bei anderen Generationen sicherlich in der deutschen Sprache ausgedrückt wurden, was dann auch eine gewisse Liebe zur Sprache ergeben hat, sind bei uns in unverständliche Eigendeutungen englischer Texte geflossen und dort verschwunden. Daher sind wir eine Generation Sprachstörung und können mit der hohen Literatur schlichtweg gar nichts anfangen.
Die Goethes und Schillers, sie können uns einmal, wir verstehen sie nicht und wollen sie auch gar nicht verstehen. Und ihre abgewrackten Nachfolgezwerge schon gar nicht. Im Gegenzug dafür sind wir vollkommen auf das wirkliche Leben konzentriert. Wir leben in der Welt der Abkömmlinge der Beatles, wir wollen keine Fiktionen mehr, wir können diese endlosen erfundenen Geschichten nicht mehr hören, würden die Geschichtenerzähler am liebsten davon jagen. Für uns zählt das wirkliche Leben, wir sehen Reality-TV und lesen Biografien. Und mit den Romanen könnte man immerhin noch heizen.
Die Generation Sprachstörung ist die Generation der Macher. Wir wollen kein Gerede mehr, sondern endlich anpacken. Wir ergehen uns nicht in Hirngespinsten, sondern versuchen die Welt jeden Tag ein Stück weit zu verändern.
Anregungen oder Kritik bitte an Bernd Niquet.
+++++++ DIE BUCH-NEUERSCHEINUNG 2009 +++++++
Bernd Niquet, TAUPUNKTE, Erzählung, Engelsdorfer Verlag, Leipzig 2009, 133 Seiten, 9,95 Euro. ISBN 3-86901-434-2.
Das neue Buch von Bernd Niquet bezieht sich nicht direkt auf die Börse und die Finanzen, sondern packt den Menschen in seiner Gesamtheit. Wie wäre es, fragt er, wenn man plötzlich ganz neu in unsere Welt hinein träte, ohne jede Historie in ihr zu besitzen? Wie würde man die Welt dann wahrnehmen? Und mit wem hätte man Umgang?
Auf jeden Fall stünde man wohl ziemlich alleine da, schwämme gegen den Strom und bewegte sich gegen den Strich – ganz so also, wie es auch dem erfolgreichen antizyklisch orientierten Anleger geht.
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