Von Bernd Niquet
Die Regulierungsbemühungen für die internationalen Finanzmärkte werden immer stärker. In den USA möchte die Obama-Administration die Notenbank zum großen Kontrolleur machen, doch die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) hat sich noch etwas Besseres einfallen lassen: Sie schlägt eine Giftliste für Wertpapiere vor und will den Handel mit diesen Papieren wie die Abgabe von Medikamenten in der Apotheke behandeln.
„Wie bei der kontrollierten Abgabe von Medikamenten“, schreibt die BIZ in ihrem gerade veröffentlichten Jahresbericht, „wären die sichersten Wertpapiere analog zu den rezeptfreien Medikamenten für jedermann frei erhältlich. Finanzinstrumente der nächsten Stufe dürften, analog zu den verschreibungspflichtigen Medikamenten, nur von dazu berechtigten Anlegern erworben werden. Dazu kämen Papiere, die nur in begrenzten Mengen an überprüfte Individuen und Institute abgegeben würden – wie Wirkstoffe, mit denen letztlich noch experimentiert wird. Die letzte Stufe schließlich wären Wirkstoffe, die als illegal gelten würden.“
Das bringt mich zu meinem letzten Apothekenbesuch. Für die Kinder will ich Salbei-Bonbons kaufen. „Zuckerfrei“ steht auf der Packung. Und „Balance“. Und „Mit Vitamin C“. Lecker mit Himbeergeschmack. Natürlich bekomme ich diese Bonbons rezeptfrei. Ich habe noch Zeit, setze mich auf eine Bank und schaue mir an, was da so eigentlich drin ist. Die Überraschung könnte nicht größer sein: 93 Prozent des Inhalts besteht aus „mehrwertigen Alkoholen“. Die Apotheken geben also Drogen rezeptfrei sogar an Kinder ab. Ein Glück, dass das die BIZ nicht weiß.
Ich lutsche einen Bonbon und verspüre sofort ein unangenehmes Gefühl. Ich trinke sehr gerne Alkohol, doch ich bin gerade gejoggt und nach dem Sport halte ich mich stets fern vom Alkohol, denn dann merke ich ein unangenehmes Ziehen in den Muskeln, sogar wenn ich nur eine „Berliner Weiße“ trinke oder einen Schluck Hustensaft zu mir nehme. Und jetzt ist es wieder so. Ich bin fast ohnmächtig vor Zorn.
Später lese ich dann im Internet, dass das alles nicht so sei. „Mehrwertige Alkohole“ wären Zuckeraustauschstoffe, die durch chemische Reaktion entstehen und nichts mit den Trinkalkoholen zu tun hätten. Auch von der Wortherkunft her stamme „Alkohol“ nicht von der Begrifflichkeit des Rausches, sondern von der Funktion als Lösungsmittel. Den Rest der chemischen Ausführungen verstehe ich nicht.
Die Botschaft lese ich also durchaus, alleine mir fehlt der Glaube. Hustenbonbons für Kinder bestehen also fast nur aus Alkohol, aber einem Alkohol, der nicht berauscht. Mein inneres Empfinden sagt mir jedoch etwas völlig anderes. Ob sich daraus etwas für die Regulierungsbemühungen ableiten lässt? Ich werde auf jeden Fall auch weiterhin eher meinen eigenen Wahrnehmungen trauen als den offiziellen Klassifizierungen.
Anregungen oder Kritik bitte an Bernd Niquet.
+++ DAS AKTUELLSTE BUCH ZUR DERZEITIGEN FINANZKRISE +++
Bernd Niquet, Der MADchester-Kapitalismus. Das Buch zur Krise, München 2008, 143 Seiten. 12 Euro, ISBN 978-3-937200-49-1.
Leseprobe: „Bis vor Kurzem ist ja noch immer alles gut gegangen. Alle Krisen haben wir hervorragend überstanden. Doch während die Arbeiten zu diesem Buch abgeschlossen werden, hat gerade die letzte deutsche Großbank ihre Auszahlungen gestoppt. Was nun kommt, ist völlig offen. Wir betreten historisches Neuland. Die Situation ist besorgniserregend. Die Regierungen und Notenbanken weltweit tagen fieberhaft. Immer wieder ist von so einer Situation geredet worden, doch niemand hat geglaubt, dass so etwas tatsächlich passieren könnte. Entsprechend unvorbereitet ist man."
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