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Zu viel quer denken schadet

Donnerstag, 19. November 2020 um 21:09

Von Thomas Grüner
Per heute stehen die Chancen nicht schlecht, dass das Börsenjahr 2020 sogar noch positiv in die Bücher eingehen wird. Dieses Endergebnis würde dann definitiv nicht vermuten lassen, welche emotionale Achterbahnfahrt zu bewältigen war. Mit der Corona-Krise und dem Kampf um das Weiße Haus bekamen es Anleger dabei mit zwei besonders emotionalen Themen zu tun.

Ruhig Blut hilft

Um die Volatilität am Aktienmarkt auszuhalten, ist emotionale Krisenresistenz gefragt – das war für den langfristigen Anlageerfolg immer schon eine entscheidende Eigenschaft. Wer sich gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Themen mit einer gewissen Neutralität annähert, gibt sich dafür selbst die besten Karten. Dies war im Börsenjahr 2020 allerdings eine ganz besondere Herausforderung.

Ist es im Jahr 2020 aus der Mode gekommen, eine gemäßigte oder vernünftige Meinung zu haben? Gewinnt der lauteste oder verrückteste Schreihals? Zu den Corona-Maßnahmen sind kaum neutrale Stimmen zu vernehmen. Nur wenige Kommentatoren nehmen eine neutrale Haltung zur US-Politik ein: Entweder man ist radikal für Donald Trump oder radikal gegen ihn. Auch im Bereich der Klimapolitik oder E-Mobilität vs. Diesel sind extreme Meinungen zum Standard geworden. „Gemäßigt“ gibt es in der Debatte kaum noch. Es herrscht ein radikales Meinungs-Wirrwarr in einer zunehmend polarisierten Welt.

Fakten checken

Für Anleger besteht in dieser emotionalen Zeit die Gefahr, dass die nüchterne Faktenlage in den Hintergrund tritt und vorwiegend die eigene – oft höchst subjektive – Meinung für Investitionsentscheidungen herangezogen wird. Die „Meinungsbildung“ wird dabei erheblich von den jeweils konsumierten Medien beeinflusst. Trifft das beschriebene Thema die eigene Meinung, wird es für gut und richtig befunden. Häuft sich in den sozialen Medien eine bestimmte Meinungsäußerung, fühlt man sich bestätigt. So entstehen Filterblasen – und in der modernen Welt des Internet-Trackings ist es zwangsläufig so, dass der „zugeschnittene“ Content diese Meinungsbildung weiter verstärkt.

Meinungs-Falle vermeiden

Vergessen Sie die vermeintliche Schwarmintelligenz, wenn es um erfolgreiche Geldanlage geht. Die Mehrheit der Anleger liegt meistens falsch. Auch wenn es ein gutes Gefühl vermittelt, mit seiner Meinung in guter Gesellschaft zu sein, am Aktienmarkt zählen nur Fakten. Es schadet deshalb nicht, stets eine Plausibilitätsprüfung durchzuführen. Hält die Meinungsäußerung, die ich lese, einem simplen Faktencheck statt? Und für die Überprüfung der eigenen Meinung hilft das Prinzip: Wenn etwas richtig ist, muss das Gegenteil davon falsch sein! So lässt sich diese Meinungs-Falle umgehen, die oftmals zu emotionalen Fehlentscheidungen am Aktienmarkt führt. Denn leider führt die höhere Menge an verfügbaren Marktinformationen nicht zu einer vereinfachten Entscheidungsfindung für Anleger – sondern eher im Gegenteil.

Fazit: Es spricht sicherlich nichts dagegen, sich über verschiedenste Themen zu informieren und eine Meinung auszubilden. Für die erfolgreiche Geldanlage ist unvoreingenommene Neutralität allerdings eine unabdingbare Eigenschaft. Wer sich aus irrwitzigen Diskussionen heraushält und sorgfältig nach Fakten filtert, kommt auch im Jahr 2020 und darüber hinaus besser zurecht. Eine gewisse Skepsis gegenüber extremen Meinungen bleibt angebracht. Und nicht zuletzt auch eine gewisse Portion Optimismus für die Zukunft, denn auch – und vor allem – an der Börse gilt: Der einzige Mist, auf dem nichts wächst, ist der Pessimist.

Fragen zum Beitrag beantworte ich gerne per E-Mail an feedback@gruener-fisher.de.

Thomas Grüner
ist Gründer und Vice Chairman der Vermögensverwaltung Grüner Fisher Investments. Weitere Informationen unter www.gruener-fisher.de.


Der obige Text spiegelt die Meinung der jeweiligen Autoren wider. Instock übernimmt für dessen Richtigkeit keine Verantwortung und schließt jegliche rechtliche oder sonstige Ansprüche aus.

 

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