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Das Notenbankexperiment

Mittwoch, 26. September 2012 um 14:09

Von Jochen Steffens
Vor wenigen Tagen sagte das Ratsmitglied der Europäischen Zentralbank (EZB) und Chef der slowakischen Notenbank, Josef Makuch, daß, wenn die Notwendigkeit für weitere Zinssenkungen im Euroraum bestehe, der Raum für diesen Schritt vorhanden sei und eine entsprechende Entscheidung erfolgen werde. Danach äußerte sich Benoit Coeuré, ebenfalls Ratsmitglied der EZB eher zurückhaltend zu weiteren Leitzinssenkungen. Es sei absolut nicht sicher, daß eine weitere Leitzinssenkung notwendig ist, sagte Coeuré. Zusammengefaßt: Sie sind einvernehmlich uneins.

Die Notenbanken weltweit haben es aber auch nicht leicht. Das Fed-Mitglied und der Präsident der Federal Reserve Bank von Boston, Eric Rosengren, hat unlängst das gerade beschlossene QE3 mit dem Vergleich der Deflation in Japan verteidigt. QE3 sei demnach notwendig, um zu verhindern, dass die USA das gleiche Schicksal ereilt wie Japan.

Hintergrund ist folgender: Früher waren sich die Wirtschaftswissenschaftler ziemlich einig, daß eine Deflation bei einer Fiat-Währung unmöglich sei (bei einer Fiat-Währung besteht seitens der Notenbank keine Einlöse-Verpflichtung beispielsweise in Gold). Schließlich könne man notfalls die Druckerpressen anwerfen und unbegrenzt Geld drucken. Das sollte jede Deflation beseitigen und die Inflation anheizen.

Es gab im Zusammenhang mit der Deflationsbekämpfung dieses schöne Beispiel, das insbesondere an den Universitäten gerne verwendet wurde: Notfalls können man Geld aus einem Hubschrauber abwerfen. Auch Ben Bernanke benutzte dieses Beispiel, zum Beispiel in seiner bekannten Rede im Jahr 2002: „Deflation, Making Sure It Doesn’t Happen Here!“. Deswegen erhielt er den Spitznamen Helikopter-Ben. Doch diese Idee wird Ben Bernanke fälschlicherweise zugeschrieben, sie stammt ursprünglich von Milton Friedman und ist bereits aus dem Jahre 1969.

Japan Deflation in einer Fiat-Währung

Aber so einfach war es dann doch nicht. Japan zeigte, daß das scheinbar Unmögliche eintreten konnte. Alles begann dort mit einem unglaublichen Immobilien- und Aktien-Boom bis ins Jahr 1990. Welches exzessive Ausmaß diese Immobilienblase in Japan angenommen hatte, zeigt ein beeindruckenden Vergleich: Zeitweise soll der Kaiserpalast in Tokio mehr wert gewesen sein als ganz Kalifornien!

Als dann der Immobilienmarkt in Japan zusammenbrach, also die Preise in Bodenlose fielen, saßen die japanischen Banken auf einer gigantischen Anzahl von ungedeckten Krediten. Und dann geschah das, was keiner erwartet hätte: Japan rutschte in eine Deflation und selbst massives Gelddrucken, eine Nullzinspolitik und andere Maßnahmen der japanischen Notenbank konnten diese Deflation in die folgenden zwei Jahrzehnte bisher nicht beseitigen.

Doch den Wirtschaftswissenschaftlern wollte dieser Vorfall nicht so recht schmecken. Es wurden viele Gründe gefunden, warum denn Japan eine Besonderheit sei. Es wurde damit argumentiert, daß ein Faktor sei gewesen, daß in Japan die Banken künstlich am Leben gehalten wurden. Das hatte zum Teil traditionelle Hintergründe. Dem Management der Banken sollte Gesichtsverlust erspart werden. Aber auch mit anderen Entwicklungen bis hin zur Überalterung der japanischen Bevölkerung wurde argumentiert. Doch Fakt blieb: Die Deflation in Japan ging weiter.

Mit der Zeit kristallisierte sich als herrschende Meinung in den Wirtschaftswissenschaften heraus, daß die Notenbank in Japan neben der Bankenrettung einen entscheidenden Fehler gemacht hatte: Sie hätte damals nicht schnell und entschieden genug reagiert. Und genau das wurde dann das Allheilmittel zur Bekämpfung von Deflation. Nicht kleckern beim Gelddrucken, sondern klotzen – und hier kommt wieder der Helikopter ins Spiel. Denn genau diesen Lösungsansatz befolgt die Fed seit der Immobilienkrise. Sie erinnern sich vielleicht noch, daß ich damals, als alle Welt von Inflationsgefahren schrieb, auf die Deflationsbekämpfung hingewiesen habe, welche die Fed nun auch offiziell bestätigt hat.

Der einzige Haken an dieser Lösung ist, ihr fehlt noch der Beweis an einer „lebenden“ Wirtschaft. Allerdings wird dieser Beweis aktuell in den USA in einem ähnlichen wirtschaftlichen Umfeld wie damals in Japan geführt. Leider mit noch ungewissem Ausgang.

Das Problem ist nämlich, daß diese Unmengen von ungedeckten Krediten bei den Banken die enorme Geldmengenausweitung quasi absorbieren. In Japan wurden die Banken aus traditionellen Gründen am Leben erhalten, in den USA aufgrund der Systemrisiken durch Credit Default Swaps und anderen Finanzderivate. Fakt ist, in beiden Fällen blieben die ungedeckten Kredite bestehen.

Und diese wirken wie ein riesiges schwarzes Loch, das alles Geld aufsaugt und so Inflation verhindert. Soweit habe ich das bereits mehrfach ausführlich beschrieben.

Aber was geschieht, wenn dieses schwarze Loch gefüllt ist? Wie schnell geht dieser Prozeß? Kann er überhaupt funktionieren? Was geschieht mit der Inflation, wenn das Loch „plötzlich“ voll ist. Was geschieht dann mit der Wirtschaft? Das sind alles Fragen, auf die zur Zeit niemand eine verläßliche Antwort hat. Es ist ein großes Experiment, bei dem wir alle teilhaben dürfen.

Nun kann man nach dieser Ausführung sicherlich in Sorge geraten. Man darf allerdings nicht vergessen, daß Situation in den USA eine andere ist als in Japan. Zudem kann es durchaus sein, daß dieses Experiment hier funktioniert. Der Häusermarkt könnte das Zünglein an der Waage werden. Schafft die Fed es, diesen weiter zu beleben, wäre das ein gravierender Unterschied zu der Entwicklung in Japan. Hoffen wir also, daß sie tatsächlich die richtigen Maßnahmen ergreifen.

Jochen Steffens ist Chefredakteur des kostenlosen Newsletters "Steffens Daily". Weitere Informationen finden sie hier.

 

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