Von Bernd Niquet
Ich muss diese Kolumne mit einer kompromittierenden Frage beginnen: „Haben Sie, lieber Leser, jetzt endlich aufgehört, Ihre Mitmenschen zu nerven?“ Man erkennt sehr schnell, dass, egal wie Sie diese Frage beantworten, Sie im Endeffekt immer der Dumme sind. Denn antworten sie mit einem „ja“, dann bedeutet das zwar Entlastung, gleichzeitig aber auch ein Schuldeingeständnis bezüglich der Vergangenheit. Wenn Sie hingegen mit „nein“ antworten, ist alles nur noch schlimmer.
Ganz ähnlich sind auch die Fragen der Meinungsumfragen strukturiert, mit denen wir immer wieder konfrontiert werden. Und dann herrscht plötzlich eine derartige Aufregung, dass sogar Fernsehsendungen darüber gemacht werden, wie wir das am vergangenen Sonntag bei „Anne Will“ erleben konnten. In dieser Sendung wird von einer „repräsentativen Studie“ der Friedrich Ebert Stiftung gesprochen, die herausgefunden haben will, dass die Mehrheit der Ostdeutschen unsere Demokratie ablehnen.
Der Begriff „repräsentative Studie“ besitzt heute den gleichen Stellenwert wie das Wort des Pfarrers oder Gottes selbst in früheren Zeiten. Eine „repräsentative Studie“, das ist „die Wahrheit“, da kommt niemand daran vorbei. Wie derartige Wahrheiten jedoch in Wirklichkeit zustande kommen, will ich hier einmal erläutern.
Einer ausgesuchten Anzahl von 1.500 Personen wird neben vielen anderen auch die folgende Frage gestellt: „Wenn jemand sagt: Mit der Demokratie können wir die Probleme lösen, die wir in Deutschland haben. Wie stark stimmen Sie dem zu?“ Jetzt frage ich Sie: Wie soll man auf eine so dumme Frage antworten? Eigentlich kann man nur die Aussage verweigern und den Interviewer wieder wegschicken. Doch das machen leider viel zu wenige Menschen.
Ja, was soll man antworten? Was sind denn überhaupt „die Probleme“, die wir mit der Demokratie lösen können wollen? Dass die Arbeitslosigkeit zurückgeht? Dass stärkere Gerechtigkeit herrscht? Dass die Energiepreise wieder herunter gehen? Dass es mir selbst besser geht? Sehr schnell merkt man, dass unter „den Problemen“ wahrscheinlich jeder etwas anderes versteht. Und es zeigt sich, dass manche Probleme gar nicht lösbar sind.
Die Demokratie kann Lebenswirklichkeiten wie Energiepreisschübe aufgrund ausgehender Reserven gar nicht ändern. Wir befinden uns in einer Situation, in der die westlichen Industrieländer Wohlstandseinbußen hinnehmen müssen, die unabänderbar sind. Hier zu fragen, ob die Demokratie dies lösen kann, ist unfair, bestenfalls dumm, wahrscheinlich jedoch eiskalt kalkuliert.
Also wie soll man nun antworten? Würde ich „ja“ antworten, „ja, ich stimme dem unbedingt zu“, dann wäre ich ein Träumer. Doch wenn ich „nein“ antworte, bin ich zwar Realist, doch natürlich ahne ich sofort, was man daraus einmal machen wird. Und genau das passiert dann natürlich auch. Denn ein Drittel der Bundesbürger hat mit „nein“ beziehungsweise „stimme eher nicht / überhaupt nicht zu“ geantwortet. Und in den neuen Bundesländern sind es sogar mehr als die Hälfte. Und natürlich interpretiert man das öffentlich als mangelndes Vertrauen in die Demokratie.
Doch schon alleine die rudimentärsten Kenntnis der Logik hätte vor diesem Fehlschluss bewahrt. Denn wenn ich der Demokratie die Lösung unlösbarer Probleme nicht zutraue, bin ich keinesfalls ein Anti-Demokrat. Aber so wird eben bei uns die Wahrheit konstruiert. So wird die Wahrheit mit öffentlichen Geldern gekauft. Und anschließend sogar noch bearbeitet. Denn jetzt lassen sich natürlich trefflich neue Planstellen zum Schutz der Demokratie schaffen. Die parteieigenen und parteinahen Stiftungen sind ja selbst nichts anderes als die Schaffung von Planstellen für abgehalfterte Linientreue.
Die wirklichen Probleme bleiben dabei jedoch außen vor. Von Ihnen hat man erfolgreich abgelenkt.
Anregungen oder Kritik bitte an Bernd Niquet.
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