Von Bernd Niquet
Nicht nur an den Märkten, auch in den Köpfen geht es derzeit kreuz und quer. Alles ist jetzt möglich, in der Realität wie in der Vorstellung. Im Grunde genommen ist das auch nichts Besonderes. Zu allen Zeiten sind Menschen unterschiedlicher Meinung. Anderweitig könnten Märkte überhaupt nicht funktionieren. Problematisch wird es nur, wenn das die Unstimmigkeiten sich in ein und dem selben Kopf abspielen, wie das gegenwärtige bei vielen Untergangsvisionären der Fall ist.
Da wird auf der einen Seite vor einer schlimmer Inflation gewarnt, auf der anderen Seite jedoch eine verheerende Deflation erwartet. Doch wie soll das möglich sein? Man kann doch nicht zur gleichen Zeit Verstopfung und Durchfall haben. Wenn wir jetzt eine Inflation bekommen, weil zu viel Geld gedruckt wird, wie die Menschen das in dem einen Gehirnlappen denken, dann wird es auch der Wirtschaft gut gehen. Doch andererseits, wenn eine Kreditklemme zu Geldvernichtung führt, wie dieselben Menschen mit der anderen Gehirnlappen denken, dann bringt dies nicht nur die Wirtschaft herunter, sondern stoppt sofort auch die Inflation.
Also geht nur eins von beidem: entweder Inflation oder Deflation. Doch letztlich ist das den Untergangsvisionären völlig egal, Hauptsache es geht überhaupt schlecht. (Und forscht man diesem Wirrwarr in den Köpfen hinterher, stößt man auf ein Phänomen, das sich „die klassische Dichotomie“ nennt. In der klassischen Ökonomik wird nämlich das Preisniveau auf dem Geldmarkt, die realwirtschaftliche Aktivität hingegen auf den Ressourcenmärkten bestimmt. Hier herrscht also eine Zweiteilung. Und bei anfälligen Naturen kann aus dieser Dichotomie anscheinend schnell eine Schizophrenie werden.)
Interessant auch der Bailout-Plan der USA. Im Schnitt stehen die US-Immobilienanleihen, also das, was wir gemeinhin als „Giftmüll“ bezeichnen, bei 75 Prozent ihres Kurswertes. In der Weltwirtschaftskrise 1929 bis 1933 gab es eine ähnliche Krise, die im Endeffekt einen Ausfall von 10 Prozent aller Hypotheken brachte. Doch da selbst bei einem Hypothekenausfall der Gläubiger nicht leer ausgeht, sondern eine Immobilie besitzt, reduzierte sich der Realausfall noch deutlich unter das 10 Prozent Niveau.
Wenn der US-Staat jetzt diese Papiere in Gesamtheit zu 75 Prozent des Nennwertes im Durchschnitt aufnimmt, wird er im Endeffekt einen statistischen Gewinn von 20 Prozent einfahren. Und selbst wenn er aus Subventionsgründen zu 85 Prozent kauft, wird er noch Gewinn erzielen. Seitdem ich das weiß, versuche ich händeringend Möglichkeiten herauszubekommen, selbst „Giftmüll“ zu kaufen. Doch egal wen man auch fragt, alle quatschen nur das selbe Zeug, was tagtäglich in den Medien gebetsmühlenartig wiederholt wird.
Ich halte das für einen bemerkenswerten Zustand. Niemand hat zu diesem Punkt eine abweichende – oder überhaupt eine eigene – Meinung. Auch die Marktexperten nicht. So eine Meinungsverfestigung wie im Moment habe ich in meinem Leben noch nicht erlebt. Aber vielleicht hat dieses Mal ja wirklich die Masse Recht. Und mit ihr die Untergangsvisionäre ebenfalls. Und dann muss sich bald die Medizin um ein völlig neues Krankheitsbild kümmern, nämlich das der obstipativen Diarrhoe.
In diesem Zusammenhang noch: Wenn Sie mehr zur aktuellen Malaise an den Märkten lesen wollen, schlagen Sie doch einmal mein neues MADchester-Buch auf. Denn hier geht es exakt um eine Finanzkrise, wie wir sie gegenwärtig erleben. Wie Sie unschwer aus den folgenden Abschnitten erkennen können, zitiert aus der ersten Seite des Buches:
"Bis vor Kurzem ist ja noch immer alles gut gegangen. Alle Krisen haben wir hervorragend überstanden. Doch während die Arbeiten zu diesem Buch abgeschlossen werden, hat gerade die letzte deutsche Großbank ihre Auszahlungen gestoppt. Was nun kommt, ist völlig offen. Wir betreten historisches Neuland. Die Situation ist besorgniserregend. Die Regierungen und Notenbanken weltweit tagen fieberhaft. Immer wieder ist von so einer Situation geredet worden, doch niemand hat geglaubt, dass so etwas tatsächlich passieren könnte. Entsprechend unvorbereitet ist man.
Dieses Buch kann keine Lösung anbieten. Es zeigt jedoch auf, wie es dazu gekommen ist, und wie wir das, was jetzt geschieht, einzuordnen haben. Im Folgenden werden wir der Frage nachspüren, warum gerade jemand, der weder Insiderkenntnisse besaß noch anderweitig an renommierter Stelle wirkte, das Kommende so viel klarer gesehen hat als all die anderen. Und dass er dann selbst seinen großen Triumph nicht mehr miterleben durfte und so haarscharf verpasste, fügt diesem Bild nur noch eine weitere dramatische Note hinzu.
Wir wollen den Menschen beleuchten und in diesem Zusammenhang die Ursachen aufdecken, wie er zu seinen Urteilen gelangt, mit denen er das Kommende so genau vorhergesehen hat."
Anregungen oder Kritik bitte an Bernd Niquet.
+++ BRANDAKTUELL +++ DAS NEUE BUCH IST DA +++
Bernd Niquet, Der MADchester-Kapitalismus. Das Buch zur Krise, München 2008, 143 Seiten. 12 Euro, ISBN 978-3-937200-49-1. Jetzt hier bestellen.









