Von Jochen Steffens
Holla, war das ein Gemetzel, ein Schlachtfest, ein schwarzer Montag wie er im Lehrbuch nicht besser beschrieben werden könnte. Auslöser war die Nachricht, daß der US-Kongreß das Rettungspaket nicht genehmigt hat. Die Börsen gerieten in Panik, daß nun eine weitere Eskalationswelle der Bankenkrise drohe.
Ich frage mich, war das nun der Sell-Off, der finale Abverkauf an den Börsen, oder gehen wir nun in einen großen Bärenmarkt oder eine lang anhaltende Seitwärtsbewegung über. Normalerweise tauchen derartige Panik-Tage eigentlich eher am Ende einer Krise auf, damit sind sie oft ein verläßlicher Hinweis, daß es bald vorüber ist.
Und es ist wieder so typisch: Ich werde von Menschen angerufen, die seit Jahren keinen Kontakt mehr mit mir hatten. Diese fragen mich, was denn zu tun sei! Was denn die besten Anlagen, sichersten Anlageformern, seien. Beim Essen unterhielt ich mich mit einem Kollegen über die Krise, es mischte sich sofort ein anderer Gast ein und erklärte ausführlich den Untergang des Abendlandes. Zu allem Überfluß kommen auch schon wieder erste „Hassmails“.
Wenn Sie mich schon länger lesen, wissen Sie, daß ich an solchen Tagen grundsätzlich dazu neige, Kaufempfehlungen zu geben, weil diese Anzeichen alle typisch für einen Boden sind (oder zumindest die Nähe eines Bodens anzeigen).
Trotzdem bin ich zur Zeit, trotz all dieser eindeutigen Zeichen, die normalerweise einen Boden anzeigen, ein wenig skeptisch. Vielleicht ist sogar meine Skepsis selbst ein bullishes Zeichen. Aber meine Skepsis hat Gründe: Zum einen, weil dieser Vergleich mit dem Chart aus dem Jahre 2000 durchaus interessant und höchst relevant ist, zum anderen weil ich das tatsächliche Ausmaß dieser Bankenkrise immer noch nicht wirklich durchschaue.
Fragen über Fragen...
Werden noch weitere Banken bei weiteren Kursverlusten straucheln? Welche Banken wird es treffen? Werden die Sicherungsfonds und die Sicherungsmaßnahmen der Regierungen greifen? Wann ist der „Point of no Return“ erreicht, also der Punkt, an dem die Banken schneller zusammenbrechen als der Staat reagieren kann? Oder ist der Spuk plötzlich einfach vorbei?
Das alles sind Fragen, die ich letztendlich nicht beantworten kann. Ich behaupte sogar, diese Frage kann niemand wirklich beantworten. Es gibt nur einen Haufen von Theorien und Analyen von berufener und wenig berufener Seite – Fakt bleibt, gerade auch wenn ich mich unter meinen Kollegen umhöre: Bei diesen Fragen sind alle höchst verunsichert, auch die, die es nicht öffentlich zugeben.
Also bleibt tatsächlich nichts anderes übrig, als den Markt entscheiden zu lassen und sich danach zu richten. Im Dax ist noch nicht sicher, ob der Dienstag lediglich ein Retest der unteren Keillinie von unten war oder ob es zu einem erneuten False Brake kommt. Aber die Situation wird von Tag zu Tag kritischer, keine Frage.
Problem ohne Shorties
In einer überhasteten Aktion wurde beschlossen, daß das Shorten einiger Aktien verboten werden soll. Und hat es irgendetwas genützt? Nein, die Kurse dieser Aktien sind auch so zum Teil deutlich eingebrochen.
Diese Aktien haben nun sogar ein neues Problem: Nach Tagen wie am Montag in den USA machten früher die Shorties normalerweise Kasse. Das bedeutet, sie mußten die Aktien, die sie zuvor verkauft hatten, wieder zurückkaufen, um die Gewinne einzufahren. Es sind eben diese Käufer, die oft einen Kurs stabilisieren.
Im Angesicht der Bankenkrise haben natürlich die normalen Anleger wenig Lust Bankaktien zu kaufen. Das bedeutet, die Käuferseite ist sowieso schon dünn. Früher waren es in solchen Situationen gerade die Gewinnmitnahmen der Shorties, die die Käuferschicht auffüllten. Dieser Umsatz fehlt jetzt!
Die Folge davon kann sein, daß schon wenige Verkäufe den Kurs einer solchen Aktie ganz erheblich unter Druck bringen könnten, einfach weil der Umsatz zu niedrig, sprich die Käuferseite zu dünn ist. Diese Situation ist nicht minder gefährlich.
Ob sich die Verantwortlichen also damit einen Gefallen getan haben, vorschnell das shorten zu verbieten, sei einmal dahingestellt. Hier hätten andere Regeln gefunden werden müssen, um ein absichtliches und destruktives shorten von Aktien zu verhindern.
Mich beschäftigt unterdessen die Frage, warum gerade die Republikaner selbst das Rettungspaket der US-Regierung verhindert haben. Ein Kollege von mir meinte, die hätten wenigstens noch, ich zitiere: "einen Arsch in der Hose und den Mut ihre Prinzipien durchzusetzen!"
Ich vermute eher ein ganz anderes Kalkül hinter dieser Aktion: Bereits vor der Abstimmung zeigten die neuesten Umfragewerte, daß Obama in der Wählergunst wieder deutlich vor McCain lag. Dieser Rettungsplan wird dazu führen, daß der Finanzminister extrem viele Machtbefugnisse erhält. Vielleicht haben einige Republikaner einfach Angst, daß der neue Finanzminister ein Demokrat ist, der dann die Bankenlandschaft in den USA quasi neu strukturieren könnte. Diese Vorstellung dürfte einigen republikanischen Abgeordneten nicht gefallen haben.
Wahrscheinlich haben aus demselben Grund die Demokraten diesem Rettungsplan auch so schnell und ohne größeren Widerstand zugestimmt. Sie können so, wenn sie die Wahl gewinnen, besser die Bankenkrise bekämpfen und verfügen dann selbst über eben diese erhebliche Machtfülle.
Egal was auch der Grund gewesen sein mag, in den nächsten Tagen wird es marktentscheidend sein, ob dieser Rettungsplan in leicht veränderter Form doch noch den Kongreß passieren kann. Die Hoffnung darauf ließ die Kurse am Dienstag wieder deutlich steigen. Das Spiel geht weiter: Rauf / Runter / Panik / Gier...
Jochen Steffens ist Chefredakteur des kostenlosen Newsletters "Steffens Daily". Weitere Informationen finden sie hier.









