Von Bernd Niquet
Wir sind ein sympathisches Volk, wir Deutschen, die wir so jung sind, dass wir den Krieg nicht mehr mitgemacht haben und folglich für nichts verantwortlich sind. Wir sind jung und strahlen Lebensfreude aus. Wir leben in einem schönen Land. Uns geht es sehr gut. Bei uns gibt es hübsche blonde Mädchen mit wallenden Harren, aber auch andere Schönheiten, und viele gepflegte, nette und gutaussehende Jungs. Frauen und Männer natürlich eingeschlossen.
Doch wir sind Monster. Uns sieht man nichts davon an, doch wir sind Monster. Selbst wenn bei uns nichts läuft, wenn alles daneben geht und der Gegner uns sein Schwert mitten in den Köper rammt, dann stehen wir auf und besiegen ihn im Endeffekt dennoch.
Das in etwa waren meine Gedanken nach dem Sieg gegen eine überlegene türkische Mannschaft im Halbfinale der Fußball-EM, in dem das letzte Aufgebot der Türken die Deutschen teilweise wie eine Schülermannschaft schwindelig gespielt hat. Doch das Ende ist bekannt. Früher dachte ich einmal, dass das Glück ist. Heute hingegen weiß ich: das ist unsere Mentalität. Und deswegen haben auch die anderen so viel Angst vor uns – im Fußball wie ansonsten auch. Und sie liegen nicht schlecht damit.
„Fußball ist ein Spiel, in dem jede Mannschaft 11 Spieler auf das Feld bringt und bei dem am Ende immer die Deutschen gewinnen“, hat er englische Fußballer Gary Lineker einmal gesagt. Dem ist sicher nicht viel hinzuzufügen. Viele andere Nationen berauschen die Menschen mit großen Vorführungen, spielen ein bezauberndes Theater, vollführen Höhenflüge, zeigen eine große Kunst, doch dann kommen die deutschen Monster, die nach außen hin so sympathisch aussehen, zücken die Messer – und schon ist es geschehen.
Doch wie zivilisiert das alles abläuft. In grauen Vorzeiten hat man noch die Köpfe der besiegten Gegner auf die eigenen Lanzen gespießt. Heute hingegen zeigt man nur noch Fahne. Ein Leser, ein ausgemachter Fußballgegner und Menschenfeind, schreibt mir, dass er sich gegenwärtig mehr an den Rand der Gesellschaft gedrängt fühlt als früher als Gegner des Regimes in der Ostzone. Ich hingegen freue mich an jedem Tag von Neuem, wie schön es ist, dass wir unsere Kriege heute so unblutig austragen können.
Am Morgen nach dem großen Spiel herrscht dann im Straßenverkehr eine merkwürdige Stimmung. Das kleine Mädchen ist jetzt sieben, geht in die zweite Klasse, und sagt zu ihrem Vater: „Die Fahrer von den Autos mit den deutschen Fahnen sind wohl alle besoffen.“ Und warum? „Na, das ist doch klar, weil die alle so lange fernsehen und dabei viel zu viel Alkohol trinken.“
Wir Deutschen sind wirklich Monster. Zum Glück will das niemand so richtig wahrhaben, drinnen wie draußen. Wir sind gedankenscharf und ein Volk der Literatur. Auf dem Nachttisch unseres Bundestrainers liegt Weltliteratur von Paulo Coelho. Und man kann uns niederschmeißen, manchmal tun wir das sogar selbst, doch dann stehen wir wieder auf und sind im Endeffekt die Sieger. Und ich gehe jede Wette ein, dass unser Dax ebenfalls dieses deutsche Siegerverhalten an den Tag legen wird. Doch im Moment tummelt er sich noch in eher unerfreulichen Gruppenspielen.
Der Einzige, der sich gegenwärtig nicht erfolgreich deutsch verhält, ist mein deutscher Buchverlag, der mein neues, seit drei Wochen vorliegendes Buch nicht in den Handel zu bringen vermag. Aus diesem Grunde muss ich mich entschuldigen, Ihnen fälschlicherweise schon das Erscheinen gemeldet zu haben. Und so steigert sich auch hier die Spannung immer weiter, ob selbst die Monster im Verlag sich letztlich doch noch durchsetzen werden.
Anregungen oder Kritik bitte an Bernd Niquet.
+++ BRANDAKTUELL +++ DAS NEUE BUCH IST FAST DA +++
Bernd Niquet, Der MADchester-Kapitalismus. Das Buch zur Krise. 143 Seiten, Volk Verlag, München 2008, 12 Euro, ISBN 978-3-937200-49-1. Jetzt hier bestellen.









