Von Jochen Steffens
Witzig: Unser Finanzminister erklärte (allerdings in einem Nebensatz), dass die USA ihren Status als „Supermacht des Weltfinanzsystems“ verlieren werden. Das kann man so nicht stehen lassen. Wenn es tatsächlich zu einem 700 Milliarden Dollar Nothilfepaket der US-Regierung kommen sollte, dann entspricht das einer massiven staatlichen Subvention für die US-Finanzinstitute. Daraus könnte sich ein erheblicher Wettbewerbsvorteil für diese US-Institute ergeben. Komisch, da scheint unserem Finanzminister etwas entgangen zu sein. Doch darüber wollte ich gar nicht schreiben.
In den vergangenen Tagen erhalte ich vermehrt E-Mails, deren Autoren über die Banker, die Niedrigzinspolitik von Alan Greenspan oder sogar das gesamte marktwirtschaftliche System herziehen. Dahinter steckt die für den Menschen so typische Suche nach dem Schuldigen.
Es ist eine Unart des Menschen, beständig einen Schuldigen finden zu müssen. Ist dieser gefunden, wird er an einen Pranger gestellt und das Volk weidet sich daran, dem sozialen Untergang dieser Person zuzusehen. Es hat wohl etwas damit zu tun, daß sich der Mensch dann besser fühlen kann, als dieses arme geschundene Opfer. Im Vergleich geht es einem doch richtig gut.
Schließlich geht es dem Menschen generell darum, sich besser als andere zu fühlen. Wie einige neuere Untersuchungen belegen, ist das einer der wenigen Aspekte, der einen Menschen zufrieden und glücklich werden läßt: Wenn er irgendetwas besser kann, er in irgendetwas besser ist, sich irgendwie besser fühlen kann als sein Nächster. Schlimm genug.
Aber es ist eben nicht die Schuld von Alan Greenspan gewesen, daß es zu einer Immobilienblase gekommen ist. Greenspan war überhaupt kein Vertreter einer Niedrigzinspolitik, wie es ihm heute so oft vorgeworfen wird. Im Jahr 2000, vor dem großen Crash, hatte er zum Beispiel die Zinsen auf mehr als 6 Prozent angehoben. Das wird heute gerne vergessen. Erst angesichts des starken Einbruchs der Märkte und im Zusammenhang mit den Anschlägen des 11. Septembers mußte (!) er die Zinsen senken.
Das wäre auch alles gar kein Problem gewesen, wenn nicht, und hier kommen wir zu dem wahrscheinlich wichtigsten Verursacher der aktuellen Krise: wenn nicht George W. Bush unbedingt den Irak hätte angreifen wollen.
Sorge vor einem Flächenbrand
Zu dieser Zeit war die Sorge groß, daß ein Angriff auf den Irak einen Flächenbrand im Nahen und Mittleren Osten entfachen könnte. Das hätte einen massiv steigenden Ölpreis zur Folge gehabt, der sich belastend auf die sowieso schon durch die Krise geschwächte US-Wirtschaft ausgewirkt hätte. Also blieb Alan Greenspan gar nichts anderes übrig, als die Zinsen weiter zu senken und zwar so lange, bis der Markt endlich wieder nachhaltig steigende Kurse generierte. Alles andere wäre überaus gefährlich gewesen. Als nach der Erholung 2003 und der folgenden Seitwärtsbewegung im Jahr 2004 die Kurse anfingen, in einen Aufwärtstrend überzugehen, sich also eine Stabilisierung zeigte, erhöhte er in jeder Notenbank-Sitzung den US-Leitzins um 25 Basispunkte.
Natürlich waren die niedrigen Zinsen der Jahre 2003 bis 2004 Auslöser des Immobilienbooms in den USA. Doch ohne den 11. September und den Irakkrieg wären die Zinsen wahrscheinlich nie auf ein derart niedriges Niveau gesunken. Erschwerend kam hinzu, daß in dieser Zeit die US-Regierung unter George W. Bush viele Steuererleichterungen für Besserverdiener beschlossen hatte. Dieses Geld war sozusagen zusätzlicher Brennstoff für den US-Immobilienmarkt.
Ein wichtiger Punkt war zudem die desaströse Haushaltspolitik der US-Regierung. Die dramatisch steigenden Staatsschulden führten dazu, daß der Dollar massiv an Wert verlor. In diesem Zusammenhang müssen auch die erheblichen Kosten des Irak-Kriegs genannt werden. Jeder halbwegs vermögende US-Bürger mußte also einen Teil seines Vermögens in Sachwerte investieren, um der Inflation zu begegnen. Der beste Inflationsschutz sind Immobilien. Und das sind die eigentlichen Punkte, die zu dem Immobilienboom in den USA geführt haben.
Warum haben Banker nicht frühzeitig reagiert?
Ich habe vor einiger Zeit mit einem Banker gesprochen und ihn gefragt, wie es denn sein konnte, daß in den USA die Banken derart viele marode Kredite vergeben haben. Ein halbwegs vernünftiger Bankier hätte doch begreifen müssen, daß diese Blase irgendwann platzen wird. Er lachte, und sagte: "Ja, das haben viele gesehen. Das Problem war nur, man hatte gar keine Chance, sich dem Spiel zu verweigern. Die Aktionäre erwarteten hohe Renditen, da die Märkte stiegen Es war vergleichbar mit dem Spiel „Reise nach Jerusalem“. Jeder wußte, irgendwann hört die Musik auf zu spielen. Und jeder hat gehofft, daß er zu denen gehört, die dann schnell genug sind. Daß dieser Immobilienboom zu einer derart historischen Finanzkrise führen würde, hat allerdings fast niemand erwartet."
Wer hat also Schuld? Alan Greenspan? Die Banker? Die Aktionäre, die hohen Renditen erwartet haben? Kleine Hypothekenbesitzer, die, obwohl sie wußten, daß sie nicht das Geld für ein Haus haben, sich haben überreden lassen? Ben Bernanke? Oder war es doch nur die Finanzpolitik des George W. Bush? Es ist nicht leicht, die wirklich Schuldigen zu bestimmen – leicht aber, die vermeintlich Schuldigen vorschnell an einem Pranger zu stellen.
Jochen Steffens ist Chefredakteur des kostenlosen Newsletters "Steffens Daily". Weitere Informationen finden sie hier.









