Von Bernd Niquet
Ist es tatsächlich vorstellbar, dass einer der führenden Männer dieser Welt, ein Mann von über sechzig Jahren, der einen der entscheidendsten Posten des weltweiten Entscheidungsgefüges im Finanzbereich bekleidet, wohlhabend und gutaussehend ist und zudem eine glänzende Zukunft als möglicher Präsidentschaftskandidat einer großen Nation vor sich hat, an einem Mittag in New York, in dem ihm nur noch wenige Minuten bis zu einem Treffen bleiben, das alles vergisst und nackt ein Zimmermädchen in seinem Hotelzimmer anspringt?
Für mich ist das eigentlich unvorstellbar. Es sei denn, man begäbe sich auf die Ebene des seichten Klamauks. Ein Monty Phytonier wäre für so eine Handlung in jedem Falle immer gut.
Oder es bleiben die Verschwörungstheorien.
Diese wuchsen dann auch schneller als alles andere, gleich kurz nachdem bekannt wurde, dass man diesen entscheidenden Finanzmann wegen Fluchtgefahr noch kurz vor dem Start aus dem Flugzeug gezerrt und dem Haftrichter vorgeführt hatte. Denn niemand kenne die wahre Mission dieses Mannes, so hieß es. Fest stünde nur, dass es bei den Treffen, zu denen er reisen wollte, um den Euro ging.
Wurde er also deshalb zurückgepfiffen, weil er etwas tun wollte, was nicht im Sinne der Geld-Elite war?, lese ich. Vielleicht könnte man ja auch sagen: Wurde er vielmehr deswegen zurückgepfiffen, weil er etwas getan hatte, was nicht im Sinne der Geld-Elite war? Aber es ist wirklich schwer vorstellbar. Beides letztlich.
Vieles an diesem Verhaftungs-Konflikt basiert natürlich auf den unterschiedlichen transatlantischen Moralien. Die Europäer halten die Amerikaner für prüde und die Amerikaner finden den Umgang der Europäer hinsichtlich sexueller Gewalt fahrlässig. Außerdem werden Verdächtige in den USA generell weit härter angepackt als bei uns.
Dennoch bleibt es merkwürdig: Plötzlich wird in der entscheidenden Phase der Festlegungen rund um den Euro ein wichtiger Europäer und Befürworter eines unveränderten Euros einfach weggekascht. Es ist nicht zu verstehen.
Doch je länger ich darüber nachdenke und zudem höre, dass es wohl tatsächlich gute objektive Gründe für ein Verfahren gibt, umso mehr nähere ich mich der folgenden Überzeugung an:
Vielleicht herrscht tatsächlich bei manchen Männern in den absoluten Führungsetagen die Einstellung vor, sie könnten alles machen und ihn könne niemand. Ich denke, das ist die plausibelste Deutung. Alle anderen Theorien werden doch früher oder später wie ein Kartenhaus zusammenfallen.
Anregungen oder Kritik bitte an Bernd Niquet.
… AUCH 2011 IMMER NOCH AKTUELL: DIE FINANZKRISE!
Bernd Niquet, "Wie ich die Finanzkrise erfolgreich verdrängte", Leipzig 2010, 465 Seiten, 16 Euro, ISBN 978-3-86901-830-0.
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