Von Jochen Steffens
„Inflation“ ist ein Wort, das zunächst bei vielen Bürgern Angst auslöst. Kein Wunder, bedeutet es doch, dass man mit seinem sauer verdienten Geld weniger Waren und Dienstleistungen erwerben kann. Vor Inflation wird seit dem Crash gewarnt. Das Gold stieg und stieg in dieser Zeit aufgrund der Erwartung einer solchen. Doch sie blieb bisher aus – das könnte sich nun ändern. Aber keine Sorge, in der ersten Phase wird sich diese zunächst förderlich auf die Wirtschaft auswirken. Dazu ein kleiner Exkurs:
Steigende Preise führen dazu, dass Verbraucher weniger sparen. Denn wenn die Inflation höher als der zu erzielende Zins ist, verlieren Sparer real an Kaufkraft. Die Verbraucher werden somit gezwungen, das Geld in Sachgüter oder Dienstleistungen zu investieren. Dazu ein überspitztes Beispiel: Nehmen wir an, die Inflation wäre so hoch, dass der Wert des Geldes sich jeden Tag halbiert. Jeder würde in so einer Situation versuchen, Geld, das er in den Händen hat, möglichst schnell, am besten noch am gleichen Tag, für irgendetwas auszugeben.
Die Folgen einer Inflation sind also:
1. Die Geldumlaufgeschwindigkeit erhöht sich
2. Geld fließt von den Sparbüchern in den Wirtschaftskreislauf
3. Punkt 1 und 2 führen dazu, dass mehr „Produkte“ verkauft werden, so dass mehr produziert werden muss.
Wenn das Geld schneller umläuft, dieses zudem vermehrt in den Wirtschaftskreislauf fließt und mehr produziert wird, generiert das Wirtschaftswachstum. Das ist einer der Gründe, warum Notenbanken nicht eine Null-Inflation anstreben, sondern ein moderates Inflationsziel von etwa 2 Prozent.
Lohn-Preis-Spirale
Wenn es der Wirtschaft gut geht, werden recht bald die Löhne steigen. Steigende Löhne werden wiederum dazu führen, dass die Arbeitnehmer mehr konsumieren. Sprich, die Nachfrage nach Produkten wird weiter zunehmen. Steigt die Nachfrage, steigen die Preise. Und das ist die Gefahr. Gerät die Inflation aus dem Ruder, kann es zu einem gefürchteten Teufelskreis kommen, der Lohn-Preis-Spirale. Daher reagieren die Notenbanken in so einer Situation mit Zinserhöhungen.
In den vergangenen Jahren wurde durch die Niedrigzinspolitik der Industrieländer die Geldmenge enorm ausgeweitet. Viele Volkswirte gingen, wie schon gesagt, davon aus, dass diese Geldmenge zu einem schnellen Anstieg der Preise führen würde. Hintergrund dieser Theorie ist die Quantitätsgleichung:
In dieser Gleichung tauchen vier volkswirtschaftlich maßgebliche Werte auf: Das Preisniveau „P“, die Produktionsmenge „Q“, die Umlaufgeschwindigkeit „U“ und die Geldmenge „M“. Diese werden miteinander in Beziehung gesetzt. Wenn nun „M“ stark ansteigt, müssen die anderen Faktoren reagieren, damit diese Gleichung wieder in Balance kommt.
Um eine steigenden Geldmenge auszugleichen, kann es also zu einer steigenden Produktion kommen. Doch das ist, laut den US-Konjunkturdaten in den USA zur Zeit nicht in einem solchen Maße der Fall, dass es die Geldmengenausweitung kompensieren könnte. Natürlich könnte sich auch die Umlaufgeschwindigkeit stark verringern. Doch diese bleibt bis auf Extremphasen tendenziell eher gleich.
Also bleibt eigentlich nur noch eine Möglichkeit, dass P, also die Preise steigen, um den Geldmengenanstieg auszugleichen. Das ist das, was die Volkswirtschaftler kennen und entsprechend auch erwartet haben. Doch einen wichtiger und neuer Faktor fehlte in ihren Überlegungen:
Ein kleines „unbedeutendes“ Problem bei dieser Formel und Betrachtung ist, dass diese Gleichung meist auf Prozesse innerhalb einer Volkswirtschaft angewendet wird. In unserer globalisierten Welt, in der Geld in Sekundenbruchteilen einmal um den ganzen Erdball gejagt werden kann, ist das eine unzulässige Beschränkung, die zu Verzerrungen führt.
Eine Folge der Globalisierung im Zusammenhang mit der Ausweitung der Geldmenge in den Industrieländern war, dass nach dem letzten Crash viel Geld in Ermangelung von Anlagealternativen aus den Industrienationen in die Emerging Markets geflossen ist. Das heißt, die Ausweitung der Geldmenge führte in den Industrieländern bei weitem nicht in dem Maße zu einem Anstieg der Preise, wie es nach der Formel zu erwarten gewesen wäre (es gab allerdings auch noch andere Faktoren, wie zum Beispiel die Kreditmarktklemme, hohe Arbeitslosigkeit in den USA etc., die ein Anziehen der Inflation verhinderten).
Dass die Formal in einer globalisierten Welt auch global zu betrachten ist, zeigte sich an den Folgen für die Emerging Markets. Dort verursachte das viele Geld genau das, was nach dieser Formel zu erwarten war:
Das ausländische Geld ließ in diesen Ländern sowohl die Produktion als auch die Inflation stark anspringen. Sprich, die Erhöhung der Werte auf der rechten Seite der oben Quantitätsgleichung führte zu einer Erhöhung beider Werte auf der linken Seite.
Und das ist der Grund, warum Länder wie beispielsweise China, Indien und Brasilien zur Zeit so große Probleme mit Inflation und einer sich überhitzenden Wirtschaft haben. Diese Länder reagieren entsprechend und erhöhen die Leitzinsen. So hat Brasilien die Leitzinsen auf 11,25 Prozent erhöht, Indien auf 6,5 Prozent, China ebenfalls auf 6,5 Prozent.
Zinserhöhungen haben Folgen
Der Anstieg der Zinsen führt dazu, dass die Anleger nun wiederum fürchten, die hohen Leitzinsen könnten das Wachstum in diesen Ländern beeinträchtigen (das gilt insbesondere für China). Und so fließt seit einiger Zeit das Geld aus den Emerging Markets zurück. Das sehen wir daran, dass zum Beispiel die amerikanischen Indizes seit einigen Wochen stark ansteigen.
Und damit dreht sich das Inflationskarussell um eine Runde weiter. Wenn das Geld jetzt wieder in die Industrieländer zurückfließt, wird hier genau das passieren, was zuvor in den Emerging-Markets passiert ist. Die Wirtschaft und die Preise werden anziehen.
Fazit: Die Inflation folgt der Geldschwemme, die wie ein Tsunami einmal um den Planeten schwappt. Aber nicht nur die Inflation folgt diesem Tsunami, sondern auch die Aktienkurse, die ebenfalls mit dieser Geldwelle nach oben getragen werden.
Mit dem Geld steigen also die Aktienkurse. So sehen wir seit geraumer Zeit, dass die Indizes dieser Länder ihre Outperformance gegenüber den Industrieländern verloren haben. Jetzt sind also die Industrieländer dran und endlich wird die Ausweitung der Geldmenge auch hier die von den Volkswirten erwartete Wirkung haben. Die Inflation in den Industrieländern zieht an, damit ist das Deflationsgespenst vertrieben.
Doch wenn das passiert, müssen auch die Notenbanken der Industrieländer reagieren. Bei steigenden Zinsen werden die Aktienkurse es immer schwerer haben, ihre Rallye fortzusetzen.
Und dann wird es eine Weile – so ein bis zwei Jahre – zu einer Patt-Situation kommen. Das große Geld wird keine wirklich interessanten Anlageformen mehr finden, es wird in vielen Anlageklassen zu einer Seitwärtsbewegung kommen. Da zudem bei steigenden Zinsen auch die Geldmengenausweitung zurückgefahren wird, fehlt zudem der monetäre Nachschub, der so immens wichtig für die wirtschaftliche Aktivität ist.
Fazit: Mit hoher Wahrscheinlichkeit erleben wir gerade die letzte Phase des Booms, dem eine längere Durststrecke folgt. Dieser Boom kann mit ein zwei kleineren Konsolidierungen im besten Fall noch bis Mitte 2012 andauern. Wie lange die Indizes weiter steigen, hängt davon ab, wann die Notenbanken reagieren. Anschließend muss es nicht unbedingt zu einem Crash kommen. Wahrscheinlicher ist eine vielleicht auch stärkere Konsolidierung, der eine größere Seitwärtsbewegung folgt. Diese wird dann erst Anfang bis Mitte 2014 enden!
Jochen Steffens ist Chefredakteur des kostenlosen Newsletters "Steffens Daily". Weitere Informationen finden sie hier.










